Eine kleine Routine, die mir hilft, Missverständnisse nicht größer zu machen als sie sind.

Content Note: In diesem Text geht es um Unsicherheit, Konfliktnähe und die Angst, falsch verstanden zu werden.

Die Szene

Ich saß vor dem Monitor, Cursor blinkte wie ein ungeduldiger Zeigefinger.
Eine Nachricht von jemandem, den ich mag – beruflich wie menschlich. Kurz. Sachlich. Punkt am Ende.

Und in meinem Kopf passierte das, was in Köpfen gern passiert: Ich hörte einen Tonfall, den niemand gesprochen hatte.
Ich sah einen Blick, den ich nicht sehen konnte.
Ich interpretierte eine Pause, die nur aus WLAN bestand.

Dann tauchte dieser Satz wieder auf, den man irgendwo immer hört:
„93 Prozent der Kommunikation sind nonverbal.“
Und plötzlich klang es, als wäre mein Text sowieso egal. Als müsste ich nur die richtige Körpersprache besitzen – dabei saß ich einfach nur da, in Stille, mit einer Tastatur.

Ich merkte: Ich bin nicht im Gespräch. Ich bin in meinem Kopf.

Warum ich das schreibe

Weil Kommunikation oft nicht an „falschen Worten“ scheitert, sondern daran, dass wir mit unvollständigen Informationen ganze Filme drehen.

Und weil so ein Mythos wie die 7-38-55-Regel (7% Worte, 38% Ton, 55% Körpersprache) wie eine Abkürzung wirkt:
Endlich eine Zahl. Endlich eine Erklärung. Endlich etwas, woran man sich festhalten kann.

Das Problem: Diese Regel wurde später viel zu groß gemacht. Sie beschreibt keine Alltagsgespräche, sondern sehr enge Situationen, in denen Wort und Gefühl widersprüchlich sind – und Menschen dann eher dem Gefühl glauben.

Was mich daran interessiert, ist nicht die Debatte, wer recht hat. Sondern: Was hilft mir heute, wenn ich gleich den falschen Film abspiele?

Einsicht 1: Zahlen sind nicht Wahrheit – sie sind ein Beruhigungsmittel

Wenn ich „Worte sind nur 7%“ glaube, mache ich zwei Fehler auf einmal:

  1. Ich entwerte meine Sprache.
  2. Ich überwerte meine Interpretation.

Ja: Wenn etwas nicht zusammenpasst – Worte sagen „alles gut“, aber Tonfall, Mimik oder Timing schreien „nichts ist gut“ – dann nehmen wir das wahr. Das ist der sinnvolle Kern.

Aber: Daraus wird kein Naturgesetz. Kein Freifahrtschein für Gedankenlesen.

Mein Satz dafür ist jetzt kleiner und ehrlicher:

„Wenn etwas sich widersprüchlich anfühlt, ist das ein Hinweis – kein Urteil.“

Einsicht 2: Metakommunikation ist wie Licht anmachen

Ich habe auf die Nachricht nicht „zurückinterpretiert“, sondern eine Lampe angemacht:

  • „Ich merke, ich lese da gerade Härte rein. Meinst du das so – oder ist es nur kurz formuliert?“
  • „Ich will sicher sein, dass ich dich richtig verstehe.“
  • „Ich klinge gerade knapp, weil ich müde bin – ich meine es nicht abweisend.“

Das wirkt banal. Aber es tut etwas Entscheidendes: Es verschiebt das Gespräch von „Was meinst du wohl?“ zu „Was meinst du wirklich?“

Gerade digital ist das Gold wert – dort fehlen Tonfall und Körpersprache, also müssen wir sie manchmal in Worte übersetzen. Unsicherheit benennen, nachfragen, notfalls mit kleinen Markern arbeiten (Kontext, kurze Einordnung, meinetwegen auch ein Emoji).

Einsicht 3: Nicht bestrafen, nicht diagnostizieren – nachfragen

Ich habe mir angewöhnt, zwei Dinge gleichzeitig wahr zu halten:

  • Menschen senden Signale, die sie nicht bewusst senden.
  • Menschen wirken manchmal „anders“, ohne dass dahinter ein Geheimnis steckt: Stress, Müdigkeit, Migräne, Depression, Zyklus, Neurodivergenz – das alles färbt Ausdruck und Timing.

Darum ist meine Regel keine Prozentzahl mehr, sondern eine Haltung:

Interpretation darf leise sein. Nachfrage darf laut sein.

Mini-Prompt für deine „Missverständnis-Bremse“:

  • Was habe ich gesehen/gelesen (Fakt)?
  • Was habe ich gefühlt (Reaktion)?
  • Was brauche ich an Klarheit (Frage in einem Satz)?
  • Welche Antwort würde mich wirklich beruhigen – statt meinen Film zu bestätigen?

Und ja: Pausen sind auch Kommunikation. Manchmal ist Stille kein Angriff, sondern nur… Stille.

Ressourcen & Hinweise

Dieser Text ersetzt keine Therapie, Mediation oder professionelle Beratung. Er beschreibt eine kleine, praktische Routine gegen Kopfkino.

Wenn Kommunikation regelmäßig eskaliert oder dich dauerhaft belastet, kann es sinnvoll sein, Unterstützung zu holen (z. B. Paar-/Familienberatung, Coaching, Psychotherapie, Konfliktmoderation).

Fußnote an mich selbst

Heute waren meine Worte nicht „sieben Prozent“.
Sie waren der Anfang von Licht.