Als ich die To-do-Liste halbierte – und das Wichtigste übrig blieb
Über Überforderung, Prioritäten und einen Exit, der sich wie Ankommen anfühlte
Content Note: Es geht um Stress, Überforderung und Selbstmanagement im Alltag.
Die Szene
Dienstag, 11:23 Uhr. Mein Schreibtisch war ein Museum für gute Absichten: gelbe Zettel, Tabs im Rudel, E-Mails wie hungrige Möwen. In meinem Kopf klapperte es, als hätte jemand die Schublade zu hart zugemacht.
Ich starrte auf meine To-do-Liste—elf Punkte, alle wichtig, alle dringend. Dann passierte etwas Unerwartetes: Ich zog einen Strich in die Mitte. Die obere Hälfte blieb. Die untere strich ich durch.
Nicht, weil sie unwichtig war. Sondern weil ich wichtig war.
Warum ich das schreibe
Ich habe lange geglaubt, gute Tage seien volle Tage. Heute weiß ich: Gute Tage sind tragfähige Tage. Dieser Text ist eine Notiz an mich selbst—und vielleicht an dich—wie ich in einem echten Moment aus der Überforderung in Handlung kam, ohne mich zu verraten.
Einsicht 1: Die 50-Prozent-Schere
Ich nahm die Liste und fragte: „Was würde passieren, wenn ich heute nur die Hälfte schaffe?“
Die Welt würde nicht brennen. Jemand wäre vielleicht enttäuscht. Ich wäre abends noch da.
So habe ich halbiert (3 Minuten):
- Ziel prüfen: Wozu ist heute eigentlich da? (Nicht: „alles fertig“ – sondern: „Fortschritt an Projekt X“.)
- Impact markieren: Ein Stern für Aufgaben, die das Ziel direkt bewegen.
- Schere setzen: Alles ohne Stern → Parkplatz (nicht löschen, aber nicht heute).
Danach war ich zum ersten Mal seit Stunden wieder handlungsfähig.
Einsicht 2: Energie ist das eigentliche Budget
Zeit hatte ich genug—ich fehlte. Also budgetierte ich Energie.
Mein 3-Energie-Check:
- Körper: Habe ich getrunken, gegessen, geschlafen? (Ein Glas Wasser, ein Snack.)
- Aufnahmefähigkeit: Brauche ich Stille oder einen kurzen Gang? (5 Minuten ums Haus.)
- Output-Form: Bin ich heute besser im Denken, Schreiben oder Abarbeiten?
Die obersten Aufgaben passte ich der Form an, die mein Nervensystem hergab. Plötzlich floss es.
Einsicht 3: Eine klare Ziellinie (Definition of Done)
Früher war „fertig“ ein nebulöses Land. Heute schreibe ich für jede Hauptaufgabe eine Mini-Ziellinie auf:
- „Entwurf der Einleitung + zwei Zwischenüberschriften.“
- „Antwort an A, B, C—je 3 Sätze, kein Anhang.“
- „30 Minuten Recherche, nicht Ergebnis.“
Eine Ziellinie, die ich überqueren kann—nicht nur eine Idee von „besser“.
Einsicht 4: Der Parkplatz rettet die Beziehung zur Zukunft
Alles, was ich heute nicht tue, landet nicht im Müll, sondern auf dem Parkplatz (eine schlichte Liste).
Ich verspreche mir: Morgen 10 Minuten Parkplatz-Review. Das nimmt die Panik aus dem Streichen. Meine Zukunft spürt: Ich vergesse dich nicht. Ich komme nur später.
Einsicht 5: Die „Done-Liste“ repariert das Selbstbild
Am Abend schreibe ich auf, was wurde—nicht nur, was bleibt.
Drei Zeilen genügen. Manchmal steht da: „Wasser getrunken, spazieren gewesen, eine ehrliche Mail geschrieben.“ Ich nenne das Beweisführung. Sie macht meine Tage wahr.
Sanfte Einladung
Wenn du magst, probiere heute eine Sache aus:
- Halbiere deine Liste. Markiere 3 Sterne-Aufgaben, setze den Rest auf den Parkplatz.
- Schreibe eine Ziellinie. Formuliere, woran du heute erkennst: „Genug.“
- Schließe mit einer Done-Liste. Drei Zeilen. Beweiskraft statt Selbstzweifel.
Nicht das perfekte System. Nur ein tragfähiger Tag.
Ressourcen & Hinweise
Dieser Blog ersetzt keine Therapie und stellt keine Diagnosen. Er schildert persönliche Erfahrungen und kleine, alltagstaugliche Schritte.
- In akuten Krisen in Deutschland: Notruf 112.
- TelefonSeelsorge (24/7, kostenfrei & anonym): Telefon, Chat, Mail.
- Für junge Menschen: krisenchat (24/7 Chat).
- Erkundige dich nach lokalen Beratungsstellen (z. B. Sozialpsychiatrischer Dienst deiner Stadt).
Wähle Wege, die sich für dich sicher anfühlen. Sprich bei Unsicherheiten mit Fachpersonen oder vertrauten Menschen.
Fußnote an mich selbst
Die Liste war lang. Der Tag war meiner.