Eine Geschichte über Kontrolle, Mut und das Leben mit einer Angst, die keiner sieht.

Content Note:
Dieser Text spricht über Angstzustände, Panik und Agoraphobie – die Angst vor Situationen, aus denen es keinen Ausweg gibt. Er möchte nicht erklären, sondern verstehen lassen.

Die Szene

Ein Seminarraum.
Ein gewöhnlicher Donnerstag.
Die Luft steht, der Beamer surrt, Stimmen verschmelzen zu einem monotonen Rauschen.
Und irgendwo dazwischen sitzt jemand,
nach außen ruhig –
nach innen in Panik.

Die Hände liegen still auf dem Tisch.
Der Blick ist auf die Folien gerichtet,
aber die Gedanken flackern.
Das Herz hämmert.
Die Kehle wird eng.
Der Körper sagt: „Ich muss hier raus.“
Der Kopf sagt: „Ich kann nicht.“

Das ist keine Übertreibung.
Das ist Agoraphobie.
Die Angst vor dem Fall,
vor dem Kontrollverlust,
vor der Ohnmacht mitten im Leben.

Der Gedanke

Die meisten verstehen das nicht.
„Aber dir passiert doch nichts.“
„Du bist doch gesund.“
„Reiß dich zusammen.“

Nur wer einmal in einem Raum saß,
der plötzlich zu eng wurde,
weiß, dass Angst kein Gedanke ist.
Sie ist ein Zustand.
Eine innere Realität,
die dich festhält,
selbst wenn du dich bewegst.

Die Kontrolle

Jessi – oder jemand wie sie –
lernt früh, dass Sicherheit planbar scheint.
Tür nah, Fluchtweg frei, Blick auf die Uhr.
Das Leben wird zur Landkarte möglicher Auswege.

Doch das Paradoxe an der Angst ist:
Je mehr man sie kontrollieren will,
desto größer wird sie.
Sie wächst dort,
wo man versucht, sie zu zähmen.

Das Vermeiden

Man vermeidet den Zug.
Dann das Café.
Dann den Park.
Dann irgendwann das Draußen.

Es passiert schleichend.
Man nennt es „vorsichtig sein“.
Bis man merkt,
dass Vorsicht und Isolation
manchmal dasselbe Kleid tragen.

Der Versuch

An guten Tagen flüstert sie sich selbst zu:
„Ich bin nicht meine Angst.“
Und geht.
In kleinen Schritten,
durch große Räume.
Manchmal reicht es,
einfach draußen zu stehen
und den Wind zu spüren.

Jeder dieser Momente
ist ein Sieg,
den niemand sieht.

Warum ich das schreibe

Weil man Angst nicht messen kann.
Und weil es Menschen gibt,
die jeden Tag kämpfen,
ohne dass jemand merkt,
dass sie kämpfen.

Weil Mut nicht laut ist.
Er ist leise,
zitternd,
aber da.

Und weil wir oft vergessen,
dass Stärke nicht bedeutet,
keine Angst zu haben –
sondern trotzdem zu atmen.

Sanfte Einladung

Vielleicht kennst du jemanden,
der stiller geworden ist,
der seltener rausgeht,
der immer absagt.

Urteile nicht.
Frage nicht: „Warum?“
Sag einfach:
„Wenn du irgendwann willst – ich geh mit.“

Manchmal braucht Mut nur Begleitung.