Der Kugekschreiber
Der Kugelschreiber liegt noch da.
Schwarz. Abgegriffen. Einer von denen, die man nicht wegwirft.
Er hat viel geschrieben.
Namen. Daten. Kleine Notizen am Rand.
Manches davon war wichtig.
Manches davon einmal geliebt.
Heute schreibt er nicht mehr.
Nicht gar nicht – aber nicht mehr wirklich.
Die Linie kommt nur noch, wenn man stark drückt.
Und selbst dann ist sie brüchig.
Man schüttelt ihn.
Klopft ihn auf den Tisch.
Zieht Linien auf Papier, das nichts mehr erwartet.
Nicht, weil man glaubt, dass er plötzlich wieder voll sein wird.
Sondern weil man hofft,
dass das Alte noch einmal reicht.
Manche Familien sind wie dieser Kugelschreiber.
Sie haben funktioniert, als man sie brauchte.
Als man klein war.
Als man sich an ihnen orientiert hat.
Heute ist da noch Kontakt.
Noch Namen.
Noch Treffen an bestimmten Tagen.
Aber das Schreiben stockt.
Gespräche bleiben oberflächlich.
Nähe entsteht nur noch aus Pflicht.
Man drückt stärker.
Reißt alte Themen auf.
Hofft, dass es wieder wird wie früher.
Doch der Stift bleibt leer.
Auch Freundschaften können so enden.
Nicht im Streit.
Nicht mit einem Knall.
Sondern im Auslaufen.
Man kennt sich noch.
Man erinnert sich.
Aber man teilt nichts Neues mehr.
Man greift trotzdem immer wieder zum selben Kugelschreiber.
Aus Gewohnheit.
Aus Dankbarkeit.
Aus Angst, dass nichts Neues kommt, wenn man ihn weglegt.
Und dann gibt es die vergangenen Lieben.
Die, die einmal alles waren.
Die, mit denen man geschrieben hat, bis die Tinte fast leer war.
Man bewahrt sie besonders sorgfältig auf.
Nicht im Alltag, sondern tief in der Schublade.
Man holt sie manchmal hervor.
In stillen Momenten.
Und versucht, noch eine Zeile zu schreiben.
Doch Liebe, die nur noch Erinnerung ist,
trägt keine neuen Sätze.
Das Schwerste ist nicht, dass der Kugelschreiber leer ist.
Das Schwerste ist, ihn wegzulegen,
weil man damit zugibt,
dass diese Form von Schreiben vorbei ist.
Loslassen fühlt sich dann nicht wie Freiheit an.
Sondern wie Verrat.
An dem, was einmal war.
An dem, was einen geprägt hat.
Dabei ist Loslassen oft nichts anderes als Respekt.
Respekt davor,
dass etwas eine Zeit hatte.
Dass es geschrieben hat,
was es schreiben konnte.
Man kann den Kugelschreiber behalten.
Als Erinnerung.
Als Teil der eigenen Geschichte.
Aber man muss ihn nicht weiter benutzen.
Denn solange man versucht,
mit leerer Tinte zu schreiben,
bleibt das Papier für neue Erinnerungen unbeschrieben.
Manchmal ist es Zeit,
einen neuen Kugelschreiber in die Hand zu nehmen.
Nicht, um das Alte zu ersetzen.
Sondern um dem Leben wieder zu erlauben,
weiterzuschreiben.
Einatmen.
Ablegen.
Weiter.