Die Adresse, die kein Zuhause ist
Ich wohne in einem Land. In einem Bundesland. In einer Stadt. In einem Ortsteil. In einer Straße. In einem Haus. In einer Wohnung.
Ich könnte es dir genau sagen. Postleitzahl. Stockwerk. Türklingel mit meinem Namen drauf. Alles da. Alles richtig.
Aber ich bin nie da, nicht wirklich.
Ich bin in Düsseldorf geboren. Am Rhein. Dieses erste Zuhause, das ich nicht wählen konnte. Dieses erste Fenster, durch das ich auf Wasser geschaut habe, ohne zu wissen, dass dieses Wasser etwas in mir legt, das nie wieder verschwindet.
Aufgewachsen bin ich im Rheinland. Zwischen Düsseldorf und Kreis Mettmann, zwischen „et es wie et es“ und diesem besonderen Humor, der alles aushält. Ich habe die Sprache gelernt, die Art zu reden, die Art zu lachen. Ich habe gelernt, wie man bleibt.
Aber ich habe nicht gelernt, anzukommen.
Ich lebe nun seit 2018 im Ruhrpott. Aber das Gefühl bleibt: Ich wohne hier, aber ich bin nicht hier.
Es begann, als ich die erste eigene Wohnung hatte. Ich dachte, das wäre es. Der Moment, in dem man ankommt. Eigene Wände. Eigene Regeln. Eigenes Leben.
Ich richtete ein. Ich sortierte. Ich machte es schön. Und nach drei Nächten spürte ich es wieder: dieses Ziehen. Dieses leise, aber unüberhörbare: Hier ist es nicht. Geh weiter.
Ich bin gegangen.
Und ich gehe immer noch.
Ich bin 24/7 unterwegs. Nicht im Sinne von Terminen und Verpflichtungen. Nicht im Sinne von „viel zu tun“. Sondern im Sinne von: Ich bin nicht da, wo ich bin. Mein Körper ist an einem Ort, aber der Rest – der Teil, der sich Zuhause fühlen soll – der ist schon wieder woanders. Oder nirgendwo. Oder auf dem Weg.
Ich fahre Bus. Ich fahre Bahn. Ich stehe an Gleisen, die ich fast auswendig kenne, und warte auf Züge, die mich irgendwohin bringen. Hauptbahnhöfe sind fast wie Wohnzimmer. Ich kenne teilweise die Fahrpläne besser als meine eigenen vier Wände. Ich weiß, wo der letzte Bus fährt, wann die erste Bahn kommt, welche Verbindungen nachts noch fahren, wenn keiner mehr unterwegs ist.
Und wenn es nicht weit sein muss, nehme ich das Fahrrad. Durch die Nachbarstädte. Durch den Pott. Von einer Stadt in die nächste. Über Radwege, die wie Adern durch dieses riesige, verwobene Gebiet laufen. Essen, Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen – sie fließen ineinander, und ich fließe mit.
Nicht aus Notwendigkeit. Nicht, weil ich fliehen müsste vor etwas. Sondern weil dieses Unterwegssein das Einzige ist, was sich richtig anfühlt. Weil Stillstand sich anfühlt, als würde ich ersticken.
Wenn ich fahre, dann bin ich. Wenn sich die Landschaft bewegt, dann bewegt sich auch etwas in mir. Dann ist da dieser Rhythmus, dieses Vorwärts, dieses: Jetzt geht es weiter. Und für einen Moment glaube ich: Gleich komme ich an.
Aber ich komme nie an.
Das Seltsame ist: Sobald ich wirklich ankomme – in meiner Wohnung, in dieser Stadt, in diesem vermeintlichen Zuhause –, spüre ich es sofort. Dieses enger werden. Dieses Ziehen in den Fingern, in den Füßen, im ganzen Körper. Dieses: Jetzt wieder weg.
Nicht, weil es schlimm wäre. Nicht, weil die Wohnung nicht okay wäre oder die Nachbarn nicht nett. Es ist nicht Flucht. Es ist kein „weg von etwas“. Es ist ein „hin zu“ – nur dass ich nicht weiß, wohin. Ich weiß nur, dass es woanders ist. Immer woanders.
Ich sitze in meiner Wohnung am Monitor. Alles ist still und friedlich. Und mein ganzer Körper schreit: Los. Fahr los. Irgendwohin. Hauptsache weg.
Ich stehe auf. Ich schnappe mir meinen Rucksack. Ich gehe zur Haltestelle.
Manchmal setze ich mich in die Bahn und fahre Richtung Münster. Manchmal fahre ich in die andere Richtung. In den Süden. Einfach raus aus der gewohnten Landschaft, rein in etwas, was anders wirkt.
Manchmal reicht es auch, mit dem Fahrrad durch die Nachbarstadt zu fahren. Essen. Bochum. Dortmund. Städte, die ich kenne. Und doch ist jede Fahrt anders. Jede Straße führt woanders hin. Jede Tour ist eine kleine Flucht nach vorne.
Ich muss nicht weit. Ich muss nur anders.
Und unterwegs, da bin ich frei. Da bin ich leicht. Da bin ich, wer ich sein kann: jemand, der nicht ankommen muss. Jemand, der einfach unterwegs ist. Jemand, bei dem niemand fragt, warum er geht.
Vielleicht liegt es daran, dass ich die See im Herzen habe.
Nicht metaphorisch. Nicht als romantisches Bild. Sondern als einen Drang, der sich nicht abschalten lässt. Dieser Blick, der immer nach Norden schaut, auch wenn ich nach Süden fahre. Diese Unruhe, die sich nur legt, wenn ich Wasser sehe. Richtiges Wasser. Weites Wasser und nicht der Pinkelbach nebenan.
Ich war schon als Kind an der See. Dieses erste Mal, als ich am Strand stand und nicht wusste, ob ich atmen oder weinen sollte, weil beides gleichzeitig passierte. Der Wind, der einem den ganzen Tag um die Ohren fegt, bis man nichts mehr denken kann. Die Möwen, die dieses Lachen haben, das nach Freiheit klingt. Dieses Licht. Dieses flache, helle, manchmal fast durchsichtige Licht, das alles anders aussehen lässt.
Dort, am Strand, war ich das erste Mal zuhause. Nicht weil ich angekommen war – sondern weil ich nirgendwo sein musste. Weil das Unterwegssein dort nicht endete, sondern weiterging. Über den Horizont. Über das, was man sehen kann.
Jetzt lebe ich im Ruhrpott. Mitten im Inland. Weit weg von der See. Kein Salz in der Luft. Kein Rauschen, das einen nachts in den Schlaf wiegt. Hier ist die Stille anders. Sie ist nicht voll, aber auch nicht leer. Sie hat keinen Rhythmus, sie steht.
Ich versuche es. Wirklich. Ich gehe spazieren, ich schaue auf die Zeche, die stillgelegten Schienen, die alten Fabriken. Ich versuche, das Weite in diesem engen Tal zu finden. Aber Weite ohne Wasser ist nur Platz. Und Platz hält mich nicht.
Ich habe alles, was man braucht. Eine Wohnung, die ich eingerichtet habe eine kleine Familie, die mich hält. Menschen, die mich mögen. Ein Leben, das funktioniert.
Aber funktionieren ist nicht ankommen.
Vielleicht hat es auch mit Düsseldorf zu tun. Mit diesem ersten Zuhause am Rhein. Vielleicht hat mich dieses Wasser geprägt, ohne dass ich es wusste. Vielleicht such ich mein ganzes Leben schon nach einem Fluss, der mich trägt. Und der Ruhrpott hat keine Flüsse, die so sind. Er hat Kanäle. Er hat stillgelegte Häfen. Er hat die Ruhr, ja, aber die ist anders. Sie fließt, aber sie trägt nicht.
Vielleicht bin ich deshalb immer unterwegs. Weil ich das Wasser suche, das mich getragen hat, als ich klein war. Und weil ich es hier nicht finde.
Meine Wegbegleiter sind die Sterne.
Das klingt vielleicht kitschig. Aber es ist so. Ich schaue nach oben, und da sind sie. Gleich. Überall. Ob ich in meiner Wohnung im Ruhrpott stehe oder nachts mit unserem Hund spazieren gehe. Ob ich in der Bahn sitze und durch die Nacht fahre. Sie ziehen nicht weg. Sie fragen nicht, warum ich hier bin und nicht dort. Sie sind einfach da.
Wenn ich nicht schlafen kann – und das ist oft – gehe ich raus. Manchmal nur vor die Tür. Manchmal ein Stück weg, wo es dunkler ist. Manchmal setze ich mich in die letzte Bahn und fahre einfach mit. Durch den Pott, durch die Nacht, durch die ruhigen Bahnhöfe, an denen niemand mehr ein- oder aussteigt.
Ich schaue aus dem Fenster. Die Sterne sind da. Die Lichter der Städte ziehen vorbei. Und ich denke: Vielleicht ist das mein Zuhause. Vielleicht ist Zuhause nicht da, wo ich bleibe. Vielleicht ist Zuhause da, wo ich unterwegs sein kann, ohne dass es wehtut.
Neulich stand ich vor meiner eigenen Tür. Schlüssel in der Hand. Dieses kurze Zögern, bevor man aufschließt. Und ich dachte: Gleich geh ich rein. Gleich bin ich da.
Ich ging rein. Ich setzte mich. In meinem Wohnzimmer. Auf meine Couch. In meiner Wohnung. In meinem Haus. In meiner Straße. In dieser Stadt im Ruhrpott. In diesem Bundesland, in dem ich geboren wurde und nicht ankomme.
Und ich spürte es wieder. Dieses enger werden. Dieses Ziehen. Dieses: Jetzt wieder weg.
Ich stand auf. Ich schnappte mir meinen Rucksack. Ich ging zur Haltestelle.
Die Bahn kam. Ich stieg ein. Kein Ziel. Nur weg. Nur unterwegs.
Ich fuhr durch die Nacht. Durch Städte, die ich kenne. Durch Bahnhöfe, an denen ich schon tausendmal stand. Ich stieg irgendwo aus, irgendwann. Ein kleiner Bahnhof. Niemand da. Ich setzte mich auf eine Bank, schaute in den Himmel, atmete ein.
Die Sterne waren da. Der Wind war da. Die Stille war nicht leer, sie war voll.
Und ich dachte: Vielleicht bin ich nicht falsch. Vielleicht ist das einfach meine Art zu leben: unterwegs. Immer unterwegs.
Ich habe gelernt, damit zu leben. Mit dem Ziehen. Mit der Unruhe. Mit diesem Gefühl, dass ich nirgendwo richtig bin.
Ich habe gelernt, die Wohnung nicht als Gefängnis zu sehen, sondern als Basis. Einen Ort, an dem ich lande, wenn die Beine müde sind. Einen Ort, an dem ich meine Sachen ablege, bis ich sie wieder einpacke.
Ich habe gelernt, dass es okay ist, nicht anzukommen. Dass es okay ist, immer weiterzugehen. Dass es okay ist, dass andere bleiben, und ich nicht.
Ich habe gelernt, die Bahnhöfe als Zuhause zu betrachten. Die Gleise. Die Fahrpläne. Die Nachtzüge, die durch den Pott rollen, während alle anderen schlafen. Ich habe gelernt, das Fahrrad als Zuhause zu betrachten. Die Radwege, die sich durch die Städte schlängeln. Das Gefühl, wenn man tritt und die Welt vorbeizieht.
Und das Meer. Immer das Meer. Wenn es zu viel wird, fahre ich nach Norden. Ich sitze in der Bahn, stundenlang, und schaue aus dem Fenster. Die Landschaft wird flacher, der Himmel größer, und irgendwann rieche ich es: Salz. Freiheit. Zuhause.
Aber auch dort bleibe ich nicht. Ich sitze am Strand, ich schaue auf das Wasser, ich atme ein. Und dann, nach ein paar Stunden, nach einem Tag, nach einer Nacht – dann zieht es mich wieder zurück. In den Pott. In die Wohnung. In das Leben, das ich habe.
Nicht weil ich muss. Sondern weil das Unterwegssein auch dort weitergeht. Im Zurückfahren. Im Wiederkommen. Im Wiederaufbrechen.
Vielleicht ist das mein Zuhause: das Unterwegssein selbst. Der Moment zwischen Abfahrt und Ankunft. Die Stunde in der Bahn, wenn die Landschaft vorbeizieht und nichts von mir verlangt. Die Nacht auf dem Fahrrad, wenn nur noch der Wind redet und ich einfach da bin.
Unterwegs bin ich frei. Unterwegs bin ich leicht. Unterwegs bin ich, wer ich bin.
Ich wohne in einem Land. In einem Bundesland. In einer Stadt. In einem Ortsteil. In einer Straße. In einem Haus. In einer Wohnung.
Aber zuhause?
Zuhause bin ich unterwegs.
Zwischen dem Rhein, wo ich geboren bin. Zwischen dem Rheinland, wo ich aufgewachsen bin. Zwischen dem Ruhrpott, wo ich jetzt lebe. Zwischen all den Städten, die mich tragen, ohne dass ich in ihnen ankomme.
Ich fahre Bus. Ich fahre Bahn. Ich fahre Fahrrad durch die Nachbarstädte. Ich fahre, weil ich fahren muss.
Nicht weil ich fliehe. Sondern weil ich so bin.
Die Sterne sind meine Wegbegleiter. Sie fragen nicht, wo ich wohne. Sie fragen nicht, warum ich nicht bleibe. Sie leuchten einfach. Ob ich fahre oder stehe. Ob ich hier bin oder dort.
Und ich fahre weiter.
Immer weiter.
Nicht um anzukommen.
Sondern weil das Fahren selbst das Einzige ist, was sich wie Zuhause anfühlt.