Die leise Weihnacht
Content Note: Dieser Text ist ruhig. Er spricht über Einsamkeit, Nähe, Grenzen und das kleine Wieder-Atmen dazwischen. Keine Gewalt, keine akuten Krisen.
Die Szene
- Dezember, später Nachmittag.
Draußen ist alles dekoriert, als hätte die Welt beschlossen, heute besonders freundlich zu wirken. Lichterketten, Schaufenster, „Besinnlichkeit“ in Schriftarten, die nach Vanille riechen sollen.
Drinnen ist es still. Nicht dramatisch. Nur still. So eine Stille, die man irgendwann nicht mehr erklären muss, weil sie sich von selbst erklärt, sobald die Tür ins Schloss fällt.
Auf dem Tisch liegt Geschenkpapier, das sich weigert, ordentlich zu werden. Neben der Schere steht eine Tasse, die schon kalt ist. In meinem Kopf blinkt ein Gedanke wie ein Cursor: Wem schreibe ich heute? Und warum fällt mir das so schwer?
Ich höre den Wasserkocher klicken und denke an diesen Satz, den ich mir irgendwann angewöhnt habe, nicht als Slogan, sondern als Handgriff:
Einatmen. Schreiben. Weiter.
Dann ruft Sam aus dem Wohnzimmer: „Papa, guck mal!“
Er kniet am Fenster, als wäre es eine Bühne. Auf der Scheibe sammelt sich Atem. Draußen spiegelt sich eine Pfütze im Hof in den Lichtern – und er betrachtet das alles, als wäre es ein Wunder, das man sonst übergeht.
In diesem Moment ist Weihnachten nicht groß.
Es ist ein Kind am Fenster.
Und ein Erwachsener, der kurz wieder sieht.
Warum ich das schreibe
Weil Weihnachten jedes Jahr so tut, als wäre Nähe eine Pflichtveranstaltung. Als gäbe es dafür einen Plan, eine Checkliste, eine richtige Reihenfolge: erst Harmonie, dann Kerzen, dann Dankbarkeit.
Aber echte Nähe funktioniert selten nach Plan.
Echte Nähe passiert eher in den kleinen Dingen, die keiner fotografiert, weil sie zu leise sind.
Und ich merke: Ich brauche heute keine perfekte Geschichte.
Ich brauche eine ehrliche.
1) Die kleinen Gesten
Sam stellt mir ungefragt eine Mandarine hin. Er hat sie selbst geschält, nicht besonders sauber, aber mit dieser ernsten Sorgfalt, die Kinder haben, wenn sie „für dich“ tun. Seine Hände kleben. Er lächelt, als hätte er einen großen Vertrag unterschrieben: Ich bin da.
Ich denke an all die großen Dinge, die man sich zu Weihnachten vornimmt: Versöhnung, Erkenntnis, Frieden. Und daran, dass es am Ende oft eine Mandarine ist, die bleibt.
2) Entschuldigung ist kein Türgummi
Später, beim Einpacken, passiert mir das alte Muster:
„Sorry, ich bin gerade langsam.“
„Sorry, ich brauche einen Moment.“
Ich höre mich selbst und merke, wie schnell ich mich entschuldige – nicht für Fehler, sondern dafür, dass ich überhaupt Raum einnehme.
Also versuche ich es anders. Nicht heldenhaft. Nur anders.
Nicht: „Sorry, dass ich so bin.“
Sondern: „Danke, dass du wartest.“
Weihnachten ist vielleicht auch das: die Sprache wechseln, bevor man sich wieder klein macht.
3) Grenzen sind keine Kälte, sondern Würde
Am Abend meldet sich jemand, der lange still war. Eine Nachricht, die klingt wie eine offene Tür, aber ohne „Darf ich?“ und ohne „Danke“. Ich spüre, wie mein Körper schon in den alten Modus rutscht: tragen, schweigen, aushalten.
Und dann erinnere ich mich: Respekt ist leise. Er drängt nicht. Er hört zu, ohne den Satz zu beenden.
Ich antworte freundlich. Kurz. Klar.
Nicht, um zu bestrafen. Sondern, um nicht wieder zu verschwinden.
Manchmal ist der weihnachtlichste Satz kein „Frohes Fest“, sondern ein leises:
„Heute passt es nicht.“
4) Dinge, die antworten
Als Sam schläft, gehe ich an den Schreibtisch. Da liegen Schrauben, Sensoren, ein paar Kabel – diese ehrlichen Dinge, die entweder funktionieren oder eben nicht.
Ich drücke einen Taster. Eine LED reagiert.
Kein Missverständnis. Kein Deuten. Nur Antwort.
Ich denke: Vielleicht bauen wir uns manchmal kleine Systeme, weil Menschen manchmal keine verlässlichen Systeme sind. Nicht aus Kälte. Aus Sehnsucht nach etwas, das hält.
Und vielleicht ist das keine Flucht, sondern eine Pause.
Eine, die hilft, wieder weich zu werden.
5) Ein Brief, der nicht perfekt sein muss
Ich öffne ein leeres Dokument und schreibe einen Satz, den ich lange vor mir hergetragen habe. Kein Roman. Kein Drama. Nur ein Brief in kleinster Form.
Nicht, um jemanden zurückzuholen.
Nicht, um irgendetwas zu beweisen.
Sondern, weil langsame Kommunikation etwas macht, was schnelle Nachrichten nicht können: Sie lässt Sätze atmen, bevor sie treffen.
Ich schreibe:
„Ich hoffe, es ist okay, dass ich schreibe.“
Und ich lasse den Satz stehen, ohne ihn sofort wieder mit einem „Sorry“ zu entschärfen.
Schluss
Später gehe ich noch einmal zu Sam. Sein Atem ist ruhig. Neben dem Bett liegt ein Stofftier, als hätte es heute auch gearbeitet.
Ich stehe einen Moment da und merke: Weihnachten ist nicht immer warm. Manchmal ist es nur ehrlich. Aber Ehrlichkeit kann auch Wärme sein, wenn sie sanft bleibt.
Draußen flackern die Lichterketten. Drinnen ist es still.
Und ich denke:
Wenn es heute nichts Großes gibt, dann reicht vielleicht das Kleine.
Eine Mandarine.
Ein Satz ohne Selbstabwertung.
Eine Grenze, die nicht schreit.
Ein Brief, der nicht perfekt sein muss.
Ein Kind, das den Himmel im Wasser sieht.