Eine leise Praxis für kreisende Gedanken

Content Note: Dieser Text erwähnt Schlafprobleme, innere Unruhe und nächtliches Grübeln.

Die Szene

01:47 Uhr. Die Stadt brummte irgendwo hinter den Fenstern, der Kühlschrank klickte in unregelmäßigen Abständen. Ich lag auf der Seite und hörte meinem Kopf beim Marathon zu. Jeder Gedanke wollte Erster werden. Schlaf fühlte sich an wie eine Tür, die sich leise schloss, sobald ich mich näherte.
Früher habe ich dann den Timer gestartet: „Noch 6 Stunden, noch 5½ …“ – und mich selbst in den roten Bereich gerechnet. In dieser Nacht tat ich etwas anderes: Ich gab mir Ruhe, auch ohne Schlaf.

Warum ich das schreibe

„Gut geschlafen?“ ist eine harmlose Frage, aber für mich fühlte sie sich oft an wie ein Test. Dieser Text ist keine Anleitung, sondern eine Erinnerung an eine echte Nacht: Was mir half, ruhiger zu werden, obwohl die Augen wach blieben.

Einsicht 1: Schlaf ist nicht binär – Ruhen zählt

Ich trennte die beiden Konten: Schlafkonto und Ruhekonto. Wenn das eine leer blieb, durfte ich trotzdem aufs andere einzahlen.

Wie das aussah (klein und machbar):

  • Licht gedimmt, Handy fern.
  • Aufs Rückenatmen geachtet: Hand flach auf den Bauch, nur spüren, nicht „performen“.
  • Den Satz gedacht: „Ruhen ist erlaubt, auch wenn Schlaf nicht kommt.“

Das nahm den Leistungsdruck. Ich musste nichts beweisen – nicht mal mir selbst.

Einsicht 2: Oberfläche wechseln – vom Kopf in die Sinne

Kopfkino stoppt selten durch Argumente. Ich wechselte die Oberfläche:

  • Hören: Ein leises, gleichmäßiges Geräusch (z. B. Ventilator, Regenaufnahme).
  • Berührung: Eine Decke fester um die Schultern, Gewicht spüren.
  • Geruch: Ein vertrauter Tee neben dem Bett (ich trank nicht zwingend, der Geruch reichte).

Ich suchte mir ein Sinnesfenster und blieb dabei. Kein Rundgang, keine Jagd nach dem perfekten Trick.

Einsicht 3: Gedanken parken – nicht verhandeln

Mitten in der Nacht will mein Kopf Verträge abschließen. Ich gab ihm stattdessen einen Parkplatz: Karteikarte, Stift.

Regel: Nur Stichworte, keine Lösungen.

  • „Mail an A“
  • „Arzttermin prüfen“
  • „Einleitung fürs Blogstück: Geräusch des Kühlschranks“

Nach 60 Sekunden legte ich die Karte zur Seite. Nicht, weil alles klar war—sondern weil morgen denken darf, was heute ruhen soll.

Einsicht 4: Mikropositionen statt großer Routinen

Ich blieb im Bett, wechselte aber Mikropositionen: 2 Minuten auf dem Rücken, 2 auf der Seite, Kinn minimal zur Brust, dann wieder lösen. Kein Programm, nur kleine Erlaubnisse, die den Körper erinnern: Hier ist kein Rennen.

Einsicht 5: Der Morgen danach ist Teil der Nacht

Früher machte ich Nächte schlimmer, indem ich Tage danach strafte: mehr Kaffee, mehr Druck.
Diesmal setzte ich eine Weichlanden-Regel:

  • Ein Termin weniger, wenn möglich.
  • 15 Minuten Tageslicht (Fenster, Balkon, kurzer Gang).
  • Eine Sache gut, statt drei halb.

So wurde die Nacht kein Makel, sondern ein Teil des Ganzen.

Sanfte Einladung

Wenn du magst, probiere heute Abend eine Kleinigkeit aus:

  1. Zwei-Konten-Satz: „Ich darf ruhen, auch wenn Schlaf nicht kommt.“
  2. Parkplatzkarte: Lege Stift & Karte bereit; 60 Sekunden Stichworte, dann weglegen.
  3. Ein Sinnesfenster: Entscheide dich für eins (Hören, Berührung oder Geruch) und bleib dabei.

Nicht die perfekte Schlafhygiene. Nur ein freundlicher Schritt in einer echten Nacht.

Ressourcen & Hinweise

Dieser Blog ersetzt keine Therapie und stellt keine Diagnosen. Er beschreibt persönliche Erfahrungen.

  • In akuten Krisen in Deutschland: Notruf 112.
  • TelefonSeelsorge (24/7, kostenfrei & anonym): Telefon, Chat, Mail.
  • Für junge Menschen: krisenchat (24/7 Chat).
  • Erkundige dich nach lokalen Beratungsstellen (z. B. Sozialpsychiatrischer Dienst deiner Stadt).

Wähle Wege, die sich für dich sicher anfühlen. Sprich bei Unsicherheiten mit Fachpersonen oder vertrauten Menschen.

Fußnote an mich selbst

Ich habe nicht perfekt geschlafen. Ich habe ausgeruht. Das zählt.