Die unsichtbare Warteschlange
Es gibt eine Warteschlange, in der wir alle stehen.
Niemand hat sie eröffnet.
Niemand hat sie angeordnet.
Aber wehe, du stellst dich nicht an.
Man lernt früh, wie sie funktioniert.
Rück an, wenn du scheiterst.
Vor, wenn du lieferst.
Lächle dabei, damit es nicht nach Anstrengung aussieht.
Die Schlange liebt Tempo.
Nicht Tiefe.
Sie misst nicht, wer du bist,
sondern wie nützlich du gerade wirkst.
Wer fragt, wofür man eigentlich ansteht,
hat offenbar zu viel Zeit.
Wer stehen bleibt, wird überholt.
Wer aus der Reihe tritt, wird erklärt – oder ignoriert.
Man nennt das Ehrgeiz.
Oder Motivation.
Oder Selbstverwirklichung.
In Wahrheit ist es oft nur Angst,
nicht mehr gesehen zu werden.
Das Absurde:
Niemand weiß, was am Ende wartet.
Es gibt kein Ziel, nur Tempo.
Kein Ankommen, nur Abstand.
Und trotzdem halten wir uns gegenseitig in der Spur.
Nicht mit Zwang,
sondern mit Erwartungen.
Mit diesem Blick, der fragt, warum du langsamer bist.
Mit diesem Schweigen, wenn du stehen bleibst.
Man nennt das Zusammenhalt.
Manchmal ist es nur Kontrolle in höflicher Sprache.
Vielleicht ist das Gefährlichste,
was du in dieser Schlange tun kannst,
nicht laut zu werden.
Nicht zu protestieren.
Nicht alles infrage zu stellen.
Sondern einfach auszusteigen.
Kein Abschiedsbrief.
Keine Erklärung.
Kein neues Ziel.
Nur der stille Entschluss,
dich nicht länger über Positionen definieren zu lassen.
Du verlierst dabei nichts,
außer die Illusion,
dass dein Wert irgendwo vorne wartet.
Und vielleicht ist genau das
der erste echte Schritt
in eine Richtung,
die dir gehört.