Wenn „Entschuldigung“ dein zweiter Vorname ist

Content Note: In diesem Text geht es um Unsicherheit, ständiges Entschuldigen, Selbstwert und kleine sprachliche Veränderungen im Alltag. Keine Gewalt, keine akuten Krisen.

Ich entschuldige mich oft für Dinge, für die es eigentlich kein „Sorry“ bräuchte.

„Sorry, dass ich so viel schreibe.“
„Sorry, dass ich so emotional bin.“
„Sorry, dass ich schon wieder eine Frage habe.“
„Sorry, dass ich störe.“

Man könnte meinen, „Entschuldigung“ sei ein Türgummi, den ich überall dazwischen klemme, wo ich Angst habe, zu viel zu sein.

Und ja: Eine echte Entschuldigung ist wichtig. Wenn ich Mist gebaut habe, jemanden verletzt, Grenzen übertreten – dann ist ein „Es tut mir leid“ kein Schwächezeichen, sondern erwachsene Verantwortung.

Aber irgendwann habe ich gemerkt:
Ich entschuldige mich nicht nur für Fehler.
Ich entschuldige mich für meine Existenz.

Wenn „Sorry“ zur Körperhaltung wird

Mir fiel es zuerst in Chats auf.

Ich schickte jemandem eine längere Sprachnachricht, weil ich gerade nicht tippen konnte – und schrieb hinterher sofort:

„Sorry, ist voll lang geworden.“

Ein anderes Mal erzählte ich jemandem von etwas Schwierigen, war merklich aufgewühlt, die Stimme brüchig – und hörte mich sagen:

„Sorry, dass ich so emotional bin.“

Dann gab es die Klassiker:

  • „Sorry, dass ich nerve, aber…“
  • „Sorry, dass ich schon wieder frage…“
  • „Sorry, dass ich spät bin…“ – auch, wenn es fünf Minuten waren und niemand eigentlich gestresst war.

Es war, als würde ich mich vorsorglich klein machen, bevor überhaupt jemand die Chance hat, mich groß zu erleben.

Was ich anderen damit eigentlich sage

Irgendwann habe ich mich gefragt:
Was transportiere ich mit diesem Dauer-„Sorry“?

  • „Ich bin unsicher, bitte verlass mich nicht.“
  • „Ich nehme keinen Platz ein, ich mache mich ganz klein, keine Sorge.“
  • „Ich rechne damit, dass du genervt bist, also entschuldige ich mich lieber vorher.“

Die Ironie:
In dem Versuch, „lieb“ und „rücksichtsvoll“ zu sein, sende ich permanent das Signal:
Ich bin nicht ganz überzeugt davon, dass ich hier sein darf.

Und noch etwas passiert:
Wenn ich mich für alles entschuldige – auch für Dinge, die keine Entschuldigung brauchen – verliert das „Es tut mir leid“ in den Momenten, in denen es wirklich nötig wäre, an Gewicht.

Ein anderer Weg: Wertschätzung statt Selbstverkleinerung

Ich habe irgendwo diesen Gedanken aufgegriffen und neu für mich übersetzt:

Manchmal ist nicht „Entschuldigung“ das richtige Wort,
sondern „Danke“.

Nicht als Trick, um selbstbewusst zu wirken, sondern als bewusstes Umlenken:

Weg von „Ich bin falsch“,
hin zu „Ich sehe, was du mir gerade gibst“.

Ein paar Situationen, in denen ich das übe:

1. Wenn ich Hilfe brauche

Früher:

„Sorry, dass ich dich schon wieder wegen XYZ frage.“

Jetzt versuche ich eher:

„Danke, dass du dir Zeit nimmst, mir das zu erklären.“
„Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du mich unterstützt.“

Der Unterschied ist spürbar:
Ich mache mich nicht kleiner, weil ich etwas brauche.
Ich anerkenne, dass der andere etwas gibt.

2. Wenn ich viel rede

Ich neige dazu, mich zu verlieren, wenn mich ein Thema packt.
Früher kam danach reflexhaft:

„Sorry, jetzt hab ich voll zugelabert.“

Heute übe ich:

„Danke, dass du mir so aufmerksam zuhörst.“
„Es tut gut, dass ich das mal in Ruhe erzählen konnte.“

Damit mache ich mein Bedürfnis nicht zum Problem, sondern sehe die Offenheit meines Gegenübers.

3. Wenn Gefühle groß sind

„Sorry, dass ich so emotional bin“ – das habe ich viel zu oft gesagt.

Als würde ich mich dafür entschuldigen, ein Mensch zu sein.

Heute versuche ich eher:

„Danke, dass du da bist, während ich so durcheinander bin.“
„Dein Mitgefühl bedeutet mir gerade viel.“

Gefühle werden dadurch nicht kleiner.
Aber sie sind nicht mehr etwas, wofür ich mich schämen muss.

4. Wenn ich zu spät komme

Ja, es gibt Situationen, da ist eine klare Entschuldigung angebracht:
wenn jemand wirklich warten musste, Terminchaos entstanden ist, Pläne durcheinandergeraten.

Aber bei Dingen wie: fünf bis zehn Minuten verspätet zu einer privaten Verabredung erscheinen, ohne dass etwas Weltbewegendes daran hängt, ist mein „Oh Gott, es tut mir so leid“ vor allem Selbstgeißelung.

Heute reicht oft:

„Danke, dass du gewartet hast.“
„Danke für deine Geduld.“

Die Verspätung ist nicht weg.
Aber ich hänge kein „Ich bin furchtbar“ mehr hinten dran.

5. Wenn mich jemand kritisiert

Früher wäre ich bei Feedback innerlich zusammengesackt:

„Oh Gott, sorry, tut mir leid, ich bin einfach so doof.“

Heute versuche ich einen anderen Einstieg:

„Danke für deinen Hinweis, der hilft mir weiter.“
„Ich schätze dein ehrliches Feedback.“

Das heißt nicht, dass Kritik plötzlich angenehm wird.
Aber ich bleibe Subjekt: jemand, der lernen will – nicht jemand, der sich selbst anklagt.

Ich entschuldige mich nicht ab – ich sortiere

Das alles heißt nicht:

  • Nie wieder „Entschuldigung“ sagen.
  • Alles schönreden, was weh tut.
  • Immer souverän wirken müssen.

Es heißt für mich:

  • eine echte Entschuldigung bewusst und klar auszusprechen, wenn ich jemanden verletzt habe
  • und an anderen Stellen zu prüfen:
    Ist das gerade wirklich ein Fehler – oder nur mein altes Muster, meine Existenz zu relativieren?

Manchmal ist Schweigen okay.
Manchmal reicht ein „Danke“.
Manchmal braucht es beides: „Es tut mir leid“ und „Danke, dass du mir das sagst“.

Fußnote an mich selbst

Ich darf Fehler machen.
Ich darf Hilfe brauchen.
Ich darf reden, fühlen, fragen.

Nicht jede Bewegung in meinem Leben ist ein Anlass, mich zu entschuldigen.

Vielleicht ist das, was ich stattdessen lernen will:

  • mich zu entschuldigen, wenn ich Verantwortung trage
  • und mich zu bedanken, wenn jemand mir entgegenkommt

Und in den Momenten, in denen mir trotzdem ein „Sorry“ rausrutscht, bevor ich denken kann, will ich mir innerlich zuflüstern:

Du bist kein Fehler, der sich rechtfertigen muss.
Du bist ein Mensch, der Platz einnehmen darf.