Eine Geschichte über das Missverständnis zwischen Tun und Sein.

Content Note:
Dieser Text handelt von Leistungsdruck, innerer Erschöpfung und dem gesellschaftlichen Stolz auf Überlastung.
Er richtet sich an alle, die manchmal vergessen, dass Ruhe kein Rückschritt ist.

Die Szene

Montagmorgen.
Zwei Erwachsene stehen vor der Kaffeemaschine, beide müde, beide stolz.

„Wie war dein Wochenende?“
„Anstrengend. Ich hab kaum geschlafen. Du?“
„Noch schlimmer. Drei Projekte, vier Mails, null Pausen.“

Ein Lächeln.
Ein stilles Schulterklopfen.
Kein Mitleid – Bewunderung.

Willkommen in einer Welt,
in der Stress das neue Statussymbol ist.

Der Gedanke

Früher galt Überforderung als Alarmzeichen.
Heute gilt sie als Auszeichnung.

Wir prahlen mit Müdigkeit,
als wäre sie ein Beweis für Bedeutung.
Wir nennen Erschöpfung Ehrgeiz
und Rastlosigkeit Produktivität.

Aber was, wenn all das gar kein Zeichen von Stärke ist –
sondern von Angst?

Angst davor, stehenzubleiben.
Angst davor, überholt zu werden.
Angst davor, nicht genug zu sein.

Die Selbstinszenierung

Wir dokumentieren unser Tempo:
die Uhrzeit, das Meeting, der Sport, das „Ich mach das noch schnell“.
Wir rennen, posten, planen –
und vergessen, dass kein Applaus die Leere stopft,
die Dauerstress hinterlässt.

Wir wissen, dass es ungesund ist.
Wir reden über Work-Life-Balance.
Und tun es trotzdem.
Mit einem „Haha“, einem „Lol“,
damit es nicht so klingt, als würde es wehtun.

Der innere Dialog

Ich bin nicht müde,
ich bin motiviert.
Ich bin nicht überfordert,
ich bin gefragt.
Ich bin nicht leer,
ich bin wichtig.

Doch spätabends,
wenn der Laptop zu ist
und das Handy still bleibt,
wird es leiser.
Und dann kommt dieser Satz,
den keiner laut sagen will:
„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin, wenn ich nicht funktioniere.“

Der Trugschluss

Wir nennen es Ehrgeiz,
aber oft ist es Angst vor Stillstand.
Wir nennen es Leistung,
aber oft ist es Flucht.

Denn Ruhe fordert Mut.
Sie lässt dich spüren,
was du aufgeschoben hast.

Warum ich das schreibe

Weil niemand das Leben gewinnt,
der sich dafür aufreibt.
Weil du niemandem etwas beweisen musst,
um wertvoll zu sein.
Und weil „Heute nicht“
manchmal das mutigste „Ja“ ist,
das du dir selbst geben kannst.

Sanfte Einladung

Wenn du morgen gefragt wirst:
„Wie war dein Wochenende?“ –
dann probier einmal zu sagen:
„Gut. Ich hab nichts gemacht.“

Und wenn jemand komisch guckt,
lächle einfach.
Denn vielleicht ist das
der Anfang von Heilung.

Fußnote an mich selbst

Ich will kein Leben,
das aussieht, als hätte ich alles im Griff –
aber mich selbst verloren.

Ich will ein Leben,
das atmet.
Langsamer.
Echter.
Ohne „Flex“.