„Du kannst das.“

Ist das so?
Oder ist das wieder nur dieser Satz, den man sagt, damit es sich kurz besser anfühlt, ohne dass er wirklich trägt?

„Du hast schon so viel geschafft.“

Ja. Und trotzdem fühlt es sich manchmal an, als hätte ich nur gelernt, wie man funktioniert.
Nicht, wie man lebt.

„Du bist hübsch.“

Sehe ich anders.
Ich sehe die Stellen, an denen ich müde aussehe. Ich sehe den Blick, der nicht mehr so leicht ist.
Und ich sehe jedes Detail, das andere nicht sehen – weil ich mich selbst nicht wie einen Menschen betrachte, sondern wie ein Urteil.

„Du bist wertvoll.“

Wertvoll für wen?
Wenn ich leiste? Wenn ich helfe? Wenn ich verfügbar bin?
Oder auch dann, wenn ich einfach nur da bin und nichts abliefere?

„Auch dann.“

Das klingt gut.
Aber mein Kopf hat Belege gesammelt, die dagegen sprechen.

„Dann sind es die falschen Belege.“

Vielleicht.
Oder vielleicht bin ich einfach nicht gemacht für diese Welt, in der Nähe immer eine Bedingung hat.

„Du bist gemacht für Menschlichkeit.“

Und genau das macht es manchmal so schwer.
Weil ich Dinge spüre, die andere überspringen.
Weil ich Pausen höre.
Weil ich merke, wenn etwas kippt – lange bevor es einen Namen bekommt.

„Das ist keine Schwäche.“

Sag das mal dem Teil in mir, der immer noch glaubt, dass Sensibilität ein Fehler ist, den man verstecken muss, damit man nicht angreifbar wird.

„Du musst nicht hart werden, um sicher zu sein.“

Doch, manchmal schon.
Manchmal ist Härte der einzige Mantel, der nicht sofort durchweicht, wenn es wieder anfängt zu regnen.

„Dann trag ihn. Aber wohn nicht darin.“

„Du bist zu direkt.“

Ja.
Ich bin nicht gut in diesem höflichen Nebel, in dem man alles andeutet, damit niemand sich verantwortlich fühlen muss.
Ich sage Dinge, die andere erst später zugeben. Und dann stehe ich da – als wäre ich das Problem, nur weil ich den Satz ausgesprochen habe.

„Du kannst lernen, direkt zu sein und trotzdem weich.“

Das klingt nach Balance.
Ich habe lange versucht, Balance zu sein – für alle anderen.

„Dann jetzt für dich.“

„Du machst zu viel.“

Ja.
Weil ich gelernt habe, dass ich sonst zu viel Raum einnehme.
Oder zu viel Bedürfnis bin.
Oder zu viel Mensch.

„Du bist kein ‚zu viel‘.“

Sag das dem Teil in mir, der jedes Mal zusammenzuckt, wenn Nähe plötzlich kippt und jemand sich abwendet, als hätte ich etwas Falsches gesagt – obwohl ich nur da war.

„Du darfst da sein.“

Darf ich.
Aber ich bin müde davon, mir das immer wieder neu zu erlauben, während andere es sich nehmen, als wäre es selbstverständlich.

„Dann setz eine Grenze.“

Grenzen sind nicht mein Problem.
Sie sind meine Lösung.
Aber sie fühlen sich manchmal an wie Verlust. Wie: wieder ein Stück weniger Welt.

„Oder wie: ein Stück mehr du.“

„Du brauchst Ruhe.“

Ich brauche sie.
Und gleichzeitig habe ich Angst vor ihr.
Weil in der Ruhe die Stimmen lauter werden, die tagsüber nur im Hintergrund sitzen.

„Dann hör ihnen zu.“

Wozu? Damit sie mich wieder kleinreden?

„Damit du erkennst, was sie sind: Schutzmechanismen. Keine Wahrheiten.“

„Du bist nicht genug.“

Da ist er. Der Satz.
Alt. Hartnäckig.
Wie ein Aufkleber auf der Stirn, den ich selbst nicht sehe, aber ständig spüre.

„Sag ihm etwas zurück.“

Was denn?

„Dass er lügt.“

Und wenn er nicht lügt?

„Dann wäre Liebe unmöglich.“

„Du bist ein Mensch.“

Das ist kein großer Satz.
Kein Motivationsspruch.
Aber vielleicht ist es der einzige, der nicht lügt.

Ein Mensch ist nicht immer stark.
Nicht immer hell.
Nicht immer sicher.

Ein Mensch ist manchmal leer.
Und manchmal trotzdem anständig.
Manchmal verletzt.
Und manchmal trotzdem fair.

„Und du?“

Ich auch.

„Dann fang da an.“

Wo?

„Bei einem Satz, der stimmt.“

Welcher?

Ich atme ein.
Und ich sage ihn so, als würde ich mir selbst endlich glauben müssen:

Ich muss heute nicht glänzen.
Ich muss nur ehrlich bleiben.

Einatmen. Schreiben. Weiter.