Jahresabschluss 2025: Als mein Akku nicht mehr „nur leer“ war
Manchmal ist ein Jahr kein Kalender.
Sondern ein Zustand.
2025 war für mich kein Jahr, das man mit „Da habe ich viel gelernt“ sauber zusammenfaltet und dann ins Regal stellt. Es war eher wie ein Raum, in dem das Licht zwar an ist, aber die Luft zu dünn wird, wenn man zu schnell spricht.
Und weil ich am Ende dieses Jahres nicht so tun will, als wäre alles rund, schreibe ich diesen Text. Ruhig. Sachlich. Ohne Dramaturgie, die mich rettet. Nur mit dem Versuch, wahr zu bleiben – so wie ich es mir hier vorgenommen habe.
Einatmen. Schreiben. Weiter.
1) Die Tage, an denen der Kopf lauter war als alles andere
Es gab diese Momente, die von außen unscheinbar sind. Ein Bus. Eine Nachricht. Ein Punkt am Satzende. Eine winzige Verzögerung. Und innen baut mein Kopf daraus einen ganzen Film.
Ich kenne das: Wenn Energie fehlt, wird Interpretation zur Hauptbeschäftigung.
Nicht weil ich misstrauisch bin. Sondern weil mein System auf Alarm steht.
Ich habe 2025 oft gemerkt, wie wenig es braucht, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nicht, weil ich schwach geworden bin – sondern weil zu viel gleichzeitig lief, ohne dass irgendwo echte Aufladung stattfand.
Umschulung. Beziehung. Kind. Alltag. Erwartungen. Und dieses leise Hintergrundrauschen: „Du müsstest doch…“
Am Anfang des Jahres dachte ich noch: Das ist einfach Stress.
Am Ende des Jahres weiß ich: Das war nicht nur Stress. Das war ein Akku, der längst nicht mehr „leer“ war, sondern schon in diesem Zustand, in dem man nicht mehr lädt, sondern nur noch irgendwie funktioniert.
2) X Tage Sehnsucht – und das Gefühl, dafür keine Sprache zu haben
Es gibt Sehnsüchte, die man nicht laut sagt, weil sie sofort nach Anspruch klingen. Als hätte man kein Recht darauf. Als müsste man erst beweisen, dass man genug geleistet hat, um auch noch Nähe zu verdienen.
Seit über X Tagen ist da eine Sehnsucht, die nicht gestillt wird.
Und ich schreibe das so nüchtern, weil ich sonst in zwei Extreme kippe: Entweder ich bagatellisiere es, oder ich mache es zu groß.
Aber die Wahrheit ist: Wenn Nähe fehlt, wird alles andere lauter.
Dann wird jedes „Nein“ härter, jedes „Später“ schwerer, jede Diskussion länger. Nicht, weil man Drama will, sondern weil das System etwas sucht, das es nicht bekommt: Verbindung. Berührung. Ein Ort, an dem man nicht immer nur stark sein muss.
Das ist kein romantischer Bonus.
Das ist Versorgung.
Und wenn sie ausbleibt, dann beginnt man zu kompensieren: mit Kontrolle, mit Struktur, mit Listen, mit „Wenn ich nur…“. Man baut sich Halt aus Dingen, die sich messen lassen, weil das, was fehlt, nicht messbar ist.
3) Sam, die Wut – und das schlechte Gewissen direkt dahinter
Sam ist drei.
Drei ist kein „Alter“, drei ist ein Zustand. Drei diskutiert Wege. Drei hört nicht, wenn es nicht passt. Drei hat keine Lust auf Regeln, wenn die Welt gerade interessanter ist.
Und ich: ich will geduldig sein. Ich will fair sein. Ich will erklären. Ich will nicht der Vater sein, der scharf wird.
Aber 2025 gab es Tage, da war ich überfordert. So richtig.
Überfordert mit mir. Überfordert mit der Beziehung. Überfordert mit dem Kind. Überfordert mit der Umschulung. Überfordert mit dieser ständigen inneren Rechnung: Wie viel geht noch?
Und dann passiert etwas, das viele nicht gern zugeben:
Man wird wütend auf das Kind.
Nicht, weil man es nicht liebt.
Sondern weil das Kind der Ort ist, an dem der Akku sichtbar wird. Sam ist nicht die Ursache. Sam ist der Verstärker.
Es gab Momente, da habe ich diskutiert, obwohl ich eigentlich führen wollte.
Da habe ich getadelt für Dinge, die ich selbst nicht besser mache.
Da habe ich mich über Kleinigkeiten aufgeregt, weil ich innerlich nicht mehr stabil genug war, die Kleinigkeiten klein zu lassen.
Und jedes Mal kam sofort das zweite Gefühl: schlechtes Gewissen.
Diese Mischung ist brutal: Wut plus Scham. Sie macht nicht besser. Sie macht nur leerer.
Ich schreibe das nicht, um mich zu entlasten.
Ich schreibe es, weil ich glaube, dass Ehrlichkeit hier nicht schadet.
4) Beziehung im Dauerbetrieb
Beziehungen haben eine eigene Art von Müdigkeit.
Nicht das große Drama, sondern das langsame Abnutzen durch zu wenig Zeit, zu wenig Ruhe, zu wenig echtes Gespräch.
Und wenn man im Dauerbetrieb lebt, passiert etwas Gemeines: Man spricht nicht mehr, um sich zu verstehen – man spricht, um zu überleben. Man diskutiert Wege, statt Bedürfnisse. Man zählt Fehler, statt Nähe. Man erklärt, statt zu fühlen.
Ich kenne auch das: Wenn wir überfordert sind, werden wir zu Anwälten. Wir sammeln Argumente, wir wollen Recht haben, wir wollen wenigstens irgendwo Ordnung.
Nur: In Beziehungen gewinnt man nicht gegen den anderen. Man gewinnt höchstens gegen das, was einen voneinander wegschiebt.
2025 hat mir gezeigt, wie schnell man sich in diesem Modus verliert.
5) Warum ich trotzdem weiter schreibe
Weil Schreiben der Ort ist, an dem ich langsamer werde.
Weil ich hier sehe, was sonst untergeht: dass meine Reaktion nicht immer die Realität ist. Dass ein Punkt am Satzende nicht automatisch Ablehnung bedeutet. Dass Schweigen manchmal nur Schweigen ist. Dass mein Kopf, wenn er müde ist, aus Nebel Fakten baut.
Und weil ich etwas ganz Einfaches wieder gelernt habe:
Wenn etwas widersprüchlich wirkt, ist das ein Hinweis – kein Urteil.
Dann hilft nicht Deuten. Dann hilft Nachfragen. Dann hilft Metakommunikation. Dann hilft ein Satz wie: „Ich bin gerade empfindlich, weil ich müde bin. Sag mir bitte, wie du es meinst.“
Es ist nicht romantisch. Es ist nicht elegant.
Aber es ist ehrlich. Und Ehrlichkeit ist manchmal die einzige Form von Nähe, die man gerade hinbekommt.
Schluss: Was ich mir für 2026 wünsche
Keine große Transformation. Kein neues Ich.
Nur drei Dinge:
- Landeflächen.
Kleine Orte im Alltag, an denen ich nicht funktioniere, sondern kurz wieder Mensch sein darf. - Mehr Wahrheit ohne Härte.
Weniger Tadel, weniger Recht-haben, weniger inneres „Du müsstest…“. Mehr klare Sätze, die nicht verletzen müssen, um klar zu sein. - Aufladung, bevor es knallt.
Nicht erst dann um Luft bitten, wenn ich schon schreie. Nicht erst dann pausieren, wenn ich schon ungerecht werde.
Ich weiß nicht, ob 2026 leichter wird.
Aber ich will, dass es echter wird.
Und wenn ich etwas aus 2025 mitnehme, dann das:
Der Akku lädt nicht durch Disziplin.
Er lädt durch Verbindung.
Und trotzdem habe ich lange so gelebt, als wäre Disziplin die einzige Währung, die ich noch habe.
Ich hatte zwei Phasen, die sich abwechselten wie Schichten in einem Betrieb, der nie schließt.
Phase eins: nachts, wenn Sam schläft.
Dann wird die Wohnung still, und in dieser Stille werde ich plötzlich wieder klar. Nicht unbedingt glücklich – aber funktionstüchtig. Ich setze mich an die Tastatur, als wäre sie ein Rettungsring. Microcontroller. Kleine Projekte. Ein sauberer Build. Ein Bug, der sich erklären lässt. Ein Problem, das nicht beleidigt ist, wenn man es falsch anspricht. Java, C, Golang, PHP, MySQL – Namen wie Werkzeuge, die sich wenigstens so anfühlen, als könnte ich mit ihnen etwas halten.
In dieser Nachtphase bin ich konzentriert. Sogar ruhig.
Und ich merke: Ich bin nicht faul. Ich bin nicht schwach. Ich bin nur dort, wo die Welt weniger fordert.
Phase zwei: tagsüber.
Dann ist alles wieder laut. Erwartungen, Aufgaben, Gespräche, Reibung. Und ich spüre, wie in mir etwas dagegen arbeitet – nicht gegen Sam, nicht gegen den Tag, sondern gegen das Gefühl, schon wieder etwas tragen zu müssen, obwohl ich innerlich kaum noch Tragekraft habe.
Manchmal schlief ich tagsüber. Nicht, weil ich so müde war, dass ich nicht anders konnte. Sondern weil ich keine Lust auf den Tag hatte. Weil Schlaf wie ein Notausgang schien. Weil ich am liebsten zurück wollte in die ruhige Nacht, zurück zu dem Punkt, an dem niemand etwas von mir wollte, außer dass ich da war. Und wenn ich ehrlich bin: Manchmal wollte ich nicht mal das.
Ich habe mich dafür verurteilt.
Und dann habe ich verstanden, was es wirklich ist: kein Charakterfehler, sondern ein Fluchtreflex. Ein System, das sagt: „Ich kann gerade nicht mehr.“
Die Nacht gab mir Struktur.
Der Tag nahm sie mir wieder.
Und irgendwo dazwischen stand ich – zwischen Disziplin und Erschöpfung – und hielt beides für mein Leben.
Vielleicht ist das der Satz, der am Ende wirklich noch dazugehört:
Ich kann mich in Aufgaben retten. In Projekte. In Ordnung. In Code.
Aber aufladen ist dort nicht dauerhaft möglich.
Denn ein Erfolg im Terminal ersetzt keine Hand auf der Schulter.
Eine gelöste Exception ersetzt keine Nähe.
Und eine perfekt verdrahtete Schaltung ist nicht dasselbe wie das Gefühl, gehalten zu werden.
2026 will ich nicht weniger bauen.
Ich will nur nicht mehr nur nachts existieren.
Ich will tagsüber nicht verschwinden müssen, um abends wieder zu funktionieren.
Ich will nicht hoffen, dass Disziplin mich durchträgt, wenn eigentlich Verbindung fehlt.
Und wenn ich es ganz klein sagen müsste, ohne Pathos, ohne Versprechen:
Vielleicht reicht es fürs Erste, nicht mehr wegzulaufen.
Nicht in den Schlaf. Nicht in die Nacht. Nicht in die Tastatur.
Sondern ab und zu – für einen Moment – da zu bleiben.
Ich glaube, ich könnte gerade noch zig Geschichten hier hineinlegen, in den Rückblick, aber wir belassen es hier dabei.
Passt auf euch auf - Auf eure Lieben, wenn vorhanden.