Es ist Herbst. Die Temperaturen sinken, die Blätter fallen und morgens liegt Feuchtigkeit auf den Wegen. Hin und wieder regnet es. Kein Unwetter, kein Sturm, einfach nur das Wetter, das zu dieser Jahreszeit gehört.

Und trotzdem verändert sich etwas.

Die Spielplätze werden leerer, auf den Wegen begegnen mir weniger Familien und dort, wo vor wenigen Wochen noch Kinder gespielt haben, herrscht plötzlich Ruhe. Natürlich weiß ich nicht, warum die einzelnen Familien gerade nicht draußen sind. Vielleicht haben sie andere Pläne, vielleicht sind die Kinder krank oder ich bin einfach zur falschen Zeit unterwegs.

Dennoch frage ich mich, warum normales Herbstwetter für uns Erwachsene so häufig zum Hindernis wird. Seit wann braucht Kindheit eigentlich Sonnenschein?

Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, war Regen kein Grund, grundsätzlich zu Hause zu bleiben. Er veränderte lediglich die Möglichkeiten. Wo gestern noch trockener Boden war, gab es heute Pfützen. Aus einem Spaziergang wurde eine kleine Entdeckungsreise und aus einem unachtsamen Schritt manchmal ein nasser Schuh. Natürlich war das nicht immer angenehm. Aber es gehörte dazu.

Heute habe ich manchmal den Eindruck, dass wir Erwachsenen bereits die kleinste Unannehmlichkeit verhindern möchten, bevor unsere Kinder überhaupt die Gelegenheit bekommen, sie selbst zu erleben.

Dabei frage ich mich, wen wir eigentlich schützen. Unsere Kinder vor dem Wetter oder uns selbst vor den Umständen, die damit verbunden sind?

Denn Regen bedeutet auch Arbeit. Nasse Kleidung muss gewechselt, schmutzige Schuhe müssen gereinigt und vielleicht muss anschließend noch eine Waschmaschine angestellt werden. Es ist bequemer, im Warmen zu bleiben. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Auch ich habe nicht jeden Tag Lust, bei kaltem Wind draußen herumzulaufen.

Aber muss meine eigene Bequemlichkeit darüber entscheiden, welche Erfahrungen mein Kind machen darf?

Ich denke dabei an unseren Karnevalsausflug zurück, über den ich bereits in meinem Beitrag "„Sam und der Regen, der bleiben durfte“" (https://marcus-dziersan.de/sam-und-der-regen-der-bleiben-durfte) geschrieben habe.

Es war kalt, es regnete und irgendwann wurde Sam müde. Die vielen Eindrücke wurden ihm zu viel und er wollte zu Mama. Wir haben darauf reagiert, uns um ihn gekümmert und ihm die Möglichkeit gegeben, wieder zur Ruhe zu kommen. Später wollte er selbst weitermachen.

Dieser Tag war nicht deshalb schön, weil alles reibungslos verlief. Er war schön, weil Sam erleben konnte, dass ein Ausflug auch anstrengend sein darf, ohne dadurch seinen Wert zu verlieren. Dass er sagen kann, wenn ihm etwas zu viel wird. Und dass wir Erwachsenen darauf reagieren, ohne ihm gleich die gesamte Erfahrung zu nehmen.

Genau darin sehe ich einen wichtigen Unterschied zwischen Fürsorge und Überbehütung.

Ein Kind vor tatsächlichen Gefahren zu schützen, ist unsere Verantwortung. Aber nicht jede nasse Hose, jeder kalte Finger und jeder misslungene Versuch ist eine Gefahr. Manchmal sind es gerade diese kleinen Erfahrungen, durch die Kinder lernen, ihren eigenen Körper, ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen einzuschätzen.

Wer niemals auf einem rutschigen Baumstamm balancieren darf, wird auch nicht erfahren, wie sich ein unsicherer Untergrund anfühlt. Wer jede Pfütze umgehen muss, wird nie herausfinden, wie unterschiedlich tief sie sein können. Und wer bei jeder Schwierigkeit sofort zurückgehalten wird, bekommt irgendwann vielleicht das Gefühl, dass die Welt gefährlicher ist, als sie tatsächlich ist.

Dabei gibt es heute für nahezu jede Wetterlage passende Kleidung. Regenjacken, Matschhosen, Gummistiefel und warme Socken sind keine außergewöhnlichen Erfindungen. Natürlich kostet das Geld, und nicht jede Familie kann sich problemlos alles leisten. Auch fehlende Zeit, Erschöpfung oder gesundheitliche Einschränkungen spielen eine Rolle. Darüber möchte ich nicht urteilen.

Aber wenn die Möglichkeiten vorhanden sind, warum ziehen wir uns nicht einfach entsprechend an?

Interessant ist, dass auch wissenschaftliche Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Wetter und dem Spielen im Freien zeigen. Eine internationale Studie aus dem Jahr 2025 mit 1.855 Vorschulkindern aus 19 Ländern stellte fest, dass Kinder bei Regen und Kälte weniger Zeit draußen spielten. Weitere Untersuchungen beschäftigen sich damit, welchen Einfluss elterliche Einstellungen, Sorgen und die jeweilige Umgebung auf das Spielen im Freien haben.

Das Wetter beeinflusst also durchaus unseren Alltag. Aber es entscheidet nicht allein darüber, ob Kinder draußen Erfahrungen sammeln können. Auch wir Erwachsenen bestimmen mit unserer Haltung, was wir ihnen ermöglichen.

Vielleicht liegt genau dort das eigentliche Problem.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles möglichst bequem, planbar und kontrollierbar sein soll. Wir möchten Risiken vermeiden, Schwierigkeiten frühzeitig erkennen und unseren Kindern möglichst jede Enttäuschung ersparen. Das ist gut gemeint. Doch die Natur funktioniert nicht nach unseren Vorstellungen. Ein Ast kann brechen, ein Stein kann rutschen und eine Pfütze kann tiefer sein, als sie aussieht.

Kinder lernen draußen nicht nur, sich zu bewegen. Sie beobachten, probieren aus, scheitern und versuchen es erneut. Sie treffen kleine Entscheidungen und erleben unmittelbar deren Folgen. Manchmal brauchen sie dabei unsere Hilfe, manchmal nur jemanden, der ihnen zutraut, selbst eine Lösung zu finden.

Und genau deshalb beschäftigt mich der Begriff „Porzellankinder“.

Er klingt, als wären Kinder von sich aus zerbrechlich. Dabei sind es häufig wir Erwachsenen, die bestimmen, wie viel wir ihnen zutrauen. Natürlich ist jedes Kind anders. Manche sind vorsichtiger, manche empfindlicher gegenüber Kälte oder bestimmten Reizen und andere stürzen sich begeistert in jede Pfütze. Nicht jedes Kind muss Regen lieben, und niemand sollte gezwungen werden, etwas auszuhalten, nur damit Erwachsene es für besonders robust halten können.

Aber zwischen Rücksichtnahme und dem grundsätzlichen Vermeiden jeder Herausforderung liegt ein gewaltiger Unterschied.

Vielleicht sollten wir uns deshalb weniger fragen, wie wir unseren Kindern sämtliche Schwierigkeiten ersparen können, sondern häufiger, wie wir sie dabei begleiten, mit ihnen umzugehen.

Ich möchte nicht, dass Sam irgendwann glaubt, er könne nur dann etwas unternehmen, wenn die Sonne scheint, der Boden trocken ist und alles nach Plan verläuft. Ich möchte, dass er neugierig bleibt. Dass er Fragen stellt, Dinge ausprobiert und auch einmal feststellt, dass seine Idee nicht besonders gut war.

Und wenn er friert, dann gehen wir eben nach Hause. Wenn er müde ist, machen wir eine Pause. Wenn er keine Lust mehr hat, muss er auch nichts beweisen.

Aber ich möchte ihm nicht schon vor dem Öffnen der Haustür erklären, warum ein bisschen Regen ein Problem sein soll.

Vielleicht sind es nämlich gar nicht die Kinder, die immer empfindlicher werden. Vielleicht haben wir Erwachsenen uns nur zu sehr daran gewöhnt, Unannehmlichkeiten aus unserem Alltag zu verbannen.

Ich ertappe mich selbst dabei. Auch ich schätze die warme Wohnung, trockene Kleidung und einen gemütlichen Nachmittag. Nur möchte ich nicht, dass meine Vorlieben automatisch zu Sams Grenzen werden.

Denn irgendwann wird er seine eigenen Wege gehen. Dann kann ich nicht mehr neben jeder Pfütze stehen, jeden rutschigen Stein erkennen und jede unangenehme Erfahrung verhindern. Und das soll ich auch gar nicht.

Bis dahin möchte ich ihm die Gelegenheit geben, seine Welt kennenzulernen. Nicht ohne Schutz, nicht ohne Grenzen, aber mit dem Vertrauen, dass er mehr kann, als wir Erwachsenen ihm manchmal zutrauen.

Vielleicht wartet draußen heute kein großes Abenteuer. Vielleicht ist es nur ein nasser Weg, ein Haufen Herbstlaub oder eine Pfütze, deren Tiefe niemand kennt.

Aber für ein Kind kann genau das bereits eine Entdeckung sein.

Und vielleicht sollten wir Erwachsenen aufhören, jede Pfütze als Hindernis zu betrachten, bevor unsere Kinder überhaupt hineinspringen konnten.

Manchmal braucht eine schöne Kindheit eben keine Sonne.

Sondern einfach nur ein Paar Gummistiefel.