„Beruhig dich“ – warum dieser Satz meinem Kind nicht hilft (und mir auch nicht)

Content Note: In diesem Text geht es um Wutanfälle von Kindern, Überforderung im Elternalltag, eigene Trigger und den Versuch, anders mit Emotionen umzugehen.

„Jetzt beruhig dich doch mal.“

Der Satz rutscht mir raus, bevor ich ihn überhaupt denken kann.
Er steht im Raum wie eine Wand.

Sam sitzt auf dem Wohnzimmerboden. Drei Jahre alt, Kindergartenkind, acht Uhr morgens normalerweise im Gruppenraum, heute nachmittag wieder in dieser Mini-Achterbahn zwischen „Ich will das!“ und „Ich will das nicht!“. Vor ihm liegt ein rotes Auto, das er eigentlich wollte. Jetzt liegt es falsch. Oder zur falschen Zeit. Oder in der falschen Wirklichkeit.

Sein Gesicht ist rot, seine Hände zu Fäusten geballt, die Tränen kommen in Schüben.
Ich habe keine Ahnung, was genau der Auslöser war – nur, dass es mir zu laut wird.

„Beruhig dich“, sage ich.
Und merke in dem Moment: Ich meine gar nicht ihn.
Ich meine mich.

Was „Beruhig dich“ wirklich sagt

Wenn ich ehrlich bin, steckt in diesem Satz alles Mögliche:

  • „Ich ertrage deine Gefühle gerade nicht.“
  • „Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren.“
  • „Ich bin müde und brauche Ruhe.“

Für Sam klingt er wahrscheinlich eher so:

  • „So wie du jetzt bist, bist du falsch.“
  • „Deine Wut ist zu viel.“
  • „Du musst das alleine wegmachen.“

Dabei wäre es schon bei mir als Erwachsenen schwierig:
Wenn jemand, während ich wütend oder überfordert bin, sagt: „Beruhig dich“, fühle ich mich nicht ruhiger. Ich fühle mich nicht gesehen.

Warum erwarte ich, dass ein dreijähriges Kind diesen Satz besser verarbeitet als ich?

Kleine Menschen, große Gefühle

Sam kann seine Emotionen nicht „regulieren“.
Das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie.

Sein Gehirn ist noch im Rohbau:

  • Die Alarmanlage (Amygdala) funktioniert hervorragend.
  • Die „Steuerzentrale“ (präfrontaler Cortex), die sortiert und bremst, ist noch mitten im Aufbau.

Mein „Beruhig dich“ ist also ungefähr so sinnvoll wie die Aufforderung an ein Baustellengerüst, es solle sich mal bitte in ein fertiges Haus verwandeln.

Sam erlebt die Welt in Wellen:

  • Wut kommt nicht „ein bisschen“, sondern als Sturm.
  • Traurigkeit ist nicht „leichte Verstimmung“, sondern Weltuntergang.
  • Freude ist keine nette Stimmung, sondern Raketenstart.

In seinen Ausbrüchen steckt nicht Manipulation, sondern Überforderung.
Er versucht nicht, mich fertigzumachen.
Er ist fertig.

Der Moment, in dem ich fast weggehe

Es gibt Situationen, in denen mein innerer Reflex sagt: „Geh in ein anderes Zimmer. Lass ihn toben, bis es vorbei ist.“ Und ich verstehe, woher der Reflex kommt:

  • Eigene Kindheitserfahrungen.
  • Sätze wie „Geh in dein Zimmer, wenn du so bist.“
  • Die Idee, dass Gefühle etwas sind, was man alleine in den Griff kriegen muss.

Aber wenn ich Sam anschaue, wie er mitten in seiner Wut sitzt – Körper angespannt, Atmung kurz, alles laut – sehe ich ein kleines Ich, das niemanden braucht, der abhaut.

Also bleibe ich.
Manchmal mehr schlecht als recht. Aber ich bleibe.

Ich sage nicht immer das Richtige.
Manchmal sage ich gar nichts.

Ich atme.
Bewusst, hörbar. Nicht, um ihn zu manipulieren, sondern, um mich selbst wiederzufinden.

Wie ich es anders versuchen kann

Es gibt Tage, da klappt alles, was jetzt kommt.
Es gibt Tage, da klappt gar nichts davon.

Trotzdem schreibe ich es mir auf – als Erinnerung, nicht als Messlatte.

1. Erst mich selbst regulieren

Bevor ich irgendetwas Kluges sage, brauche ich einen Moment für mich:

  • Einmal tief einatmen, ausatmen.
  • Schultern bewusst senken.
  • Innerlich: „Okay. Er ist nicht gefährlich. Er ist überfordert.“

Wenn ich selbst kochend wütend bin, ist jeder pädagogische Tipp Theorie.

2. Benennen, was ich sehe

Statt „Beruhig dich“ versuche ich manchmal:

„Ich sehe, dein Gesicht ist ganz rot und du schreist laut. Du bist richtig wütend.“

Für Sam ist das am Anfang nur Rauschen.
Aber längerfristig lernt er:
Das, was ich in mir spüre, hat einen Namen. Es ist nicht einfach ein Monster, das mich übernimmt.

3. Die Emotion darf da sein

Das ist der schwerste Teil.
Nicht sofort löschen zu wollen. Nicht:

  • „Das ist doch kein Grund, so zu schreien.“
  • „Andere Kinder…“

Sondern:

„Es ist okay, dass du wütend bist, weil das Auto kaputt ist.“
„Ich verstehe, dass dich das traurig macht.“

Dieses „okay“ meint nicht: Alles Verhalten ist in Ordnung.
Es meint: Dein Gefühl hat ein Recht, da zu sein. Über deine Handlung reden wir später.

4. Nicht allein lassen (wenn es geht)

Es gibt Kinder, die in Wut lieber Abstand wollen. Es gibt Kinder, die Nähe brauchen. Sam ist eher Kategorie „Ich will, dass du da bist, aber nicht zu nah“.

Also sage ich:

„Ich bin hier. Du darfst wütend sein. Ich gehe nicht weg.“

Und wenn er Abstand will:

„Ich bin im Flur / auf dem Sofa. Wenn du willst, dass ich zu dir komme, sag Bescheid.“

Allein gelassen werden in einem Gefühl, das man nicht sortieren kann, hinterlässt Spuren. Ich weiß das, weil ich sie bei mir noch sehe.

Wenn es schiefgeht

Es gibt Tage, an denen ich alles falsch mache:

  • Ich werde laut.
  • Ich sage „Jetzt beruhig dich endlich!“
  • Ich knalle Türen.
  • Ich gehe raus, nicht, weil es gut ist, sondern, weil ich einfach nicht mehr kann.

Früher hätte ich mir danach erzählt, dass ich einfach ein schlechter Elternteil bin.
Heute versuche ich etwas anderes:

  • Ich entschuldige mich bei Sam: „Es tut mir leid, dass ich eben so laut war. Ich war selbst wütend und müde. Das war nicht deine Schuld.“
  • Ich sage ihm, was meins war und was seins ist.
  • Ich nehme mir innerlich vor, beim nächsten Mal früher zu merken, wenn es kippt.

Nicht, um perfekt zu werden.
Sondern, um eine andere Spur in seinem Kopf zu hinterlassen als die, die ich kenne.

Gefühle erklären – wenn der Sturm vorbei ist

Mitten im Wutanfall ist wenig Platz für Erklärungen.
Aber hinterher ist das Gehirn wieder aufnahmefähig.

Dann frage ich manchmal:

„Weißt du noch, was eben passiert ist?
Was war vorher?“

Wir gehen die Szene in einfachen Schritten durch:

  • Du wolltest das rote Auto.
  • Es ist kaputt gegangen.
  • Du warst wütend. Dein Bauch war ganz fest.
  • Du hast geschrien.
  • Ich war auch laut.

Und dann:

„Wut ist ein Gefühl. Jeder Mensch hat das.
Es fühlt sich heiß an. Man will alles kaputt machen.
Das ist nicht schön, aber es ist nicht falsch.“

Wir sammeln manchmal – an guten Tagen – andere Gefühle:

  • Was ist Freude für dich?
  • Wo spürst du Angst?
  • Wie fühlt sich Aufregung an?

Nicht als Projekt, sondern als kleine Landkarte:
Damit Sam nicht erst mit 30 lernt, dass er mehr als zwei Zustände hat: „funktioniert“ und „explodiert“.

Fußnote an mich selbst

„Beruhig dich“ ist kein böser Satz.
Er ist ein Hilferuf im falschen Kostüm.

Er sagt:
„Ich bin gerade überfordert mit deinen Gefühlen und meinen eigenen.“

Sam wird seine Emotionen nicht „im Griff haben“, nur weil ich es von ihm fordere.
Er wird es lernen, wenn er erlebt:

  • dass Gefühle kommen und gehen
  • dass niemand ihn dafür verlässt
  • dass auch Erwachsene Fehler machen und sich wieder einfangen

Vielleicht ist das Wichtigste, was ich ihm in seinen Wutmomenten schenken kann, nicht die perfekte Reaktion, sondern diese Erfahrung:

Du bist nicht zu viel.
Deine Gefühle sind nicht zu viel.
Und selbst wenn hier jemand „Beruhig dich“ sagt – am Ende bleibe ich bei dir, bis der Sturm vorbei ist.