Unsichtbar bei Tageslicht
Content Note: Alter, Abschied, Generationsblick. Leise, nicht anklagend – eine Einladung hinzusehen.
Der Moment
16:47 Uhr.
Ein Hinterhof in Leipzig, Spätsommerlicht auf welligen Pflastersteinen.
Kartons mit krakeligen Zetteln: „Zu verkaufen“, „Zu verschenken“.
Und ein Mann, der am Rand steht und merkt, wie die Blicke durch ihn hindurchgleiten.
Keine Beerdigung. Kein Drama.
Nur ein Nachmittag, an dem ein Leben in Gegenstände zerfällt.
Was Dinge tragen
Vor der alten Birnbaum-Vitrine bleiben zwei Studierende stehen.
„Zu groß“, sagt sie.
„Kann man abschleifen. Pastell drüber. Shabby Chic“, sagt er.
In der Vitrine standen früher Gläser, die nur bei Gewittergesprächen auf den Tisch durften.
Darin lag einmal der Sommer, in dem die Stadt nach Pfirsich roch und die Nachbarn bis spät Karten spielten.
Heute nennt man es: Stauraum.
Auf der Küchenbank hat Mira unzählige Sonntage Teig geknetet,
hier wurde Kaja das erste Mal die Stirn geküsst, nachdem sie nach drei Jahren Funkstille wieder vor der Tür stand.
Jetzt tippt jemand auf die Lehne und fragt: „Hält die noch?“
Es ist merkwürdig, wie schnell Wärme zu Holz wird,
und Holz zu „Kann man was draus machen?“.
Kreisläufe
Zeit ist nicht linear; sie läuft im Kreis und tut so, als ginge sie vorwärts.
Heute heißen Mixtapes Playlists,
und die Hose, die „neu“ wirkt, hat die gleiche Naht wie 1976.
Die Polaroids liegen auf dem Tisch – daneben ein Smartphone: gleiche Geste, anderes Leuchten.
Alles, was heute „Retro“ heißt, war einmal Zukunft.
Alles, was ihr „alt“ nennt, war einmal Mut.
Unsichtbar ist keine Farbe
„Altmodisch“, „umständlich“, „festgefahren“ –
Wörter, die wie Staub auf Gesichtern landen.
Man wird nicht böse, nicht laut – man wird übersehen.
Man lacht über Porzellan, für das man Monate gespart hat.
Man blättert durch Fotoalben und sagt: „Das scannen wir irgendwann.“
Irgendwann ist der höflichste Name für Nie.
Die Wahrheit, die weh tut:
Es bricht Herzen leise.
Was bleibt, wenn alles geht
Vielleicht ist der eigentliche Verlust nicht die Vitrine,
sondern der Blick, der sie noch als Geschichte sieht.
Respekt ist keine große Rede.
Er ist eine Pause.
Er zählt das Kleingeld nicht genervt mit.
Er wartet an der Ampel, ohne zu seufzen.
Er fragt nicht, um zu verbessern – er fragt, um zu verstehen.
Eine kleine Bitte
Wenn du das nächste Mal an einer Hofauktion vorbeiläufst
und da steht ein Leben auf Klapptischen:
Frag nach der Geschichte eines Gegenstands.
Nicht, um den Preis zu drücken –
um den Wert zu heben.
Und wenn jemand langsamer ist als dein Tag,
schenk ihm ein Stück deiner Zeit.
Sie ist das Einzige, das im Kreis läuft und dennoch nie zurückkommt.
Fußnote an mich selbst
Wir nennen Dinge alt, wenn wir verlernt haben, sie zu hören.
Wir nennen Menschen alt, wenn wir verlernt haben, sie zu fragen.
Zwischen beidem liegt Würde.
Sie beginnt damit, dass wir hinsehen.