Warum Loslassen kein Verlieren ist – sondern Platz schaffen
Über Vertrauen, Veränderung und die Kunst, mit leeren Händen zu bleiben.
Content Note: Dieser Text spricht über das Loslassen von Situationen, Menschen und Erwartungen. Keine belastenden Beschreibungen, aber ehrliche Reflexionen.
Die Szene
Ich sitze auf der Couch.
Vor mir eine Kiste voller alter Dinge – Briefe, Fotos, Erinnerungen, kleine Fragmente eines Lebens, das sich anders anfühlte.
Ich halte einen Zettel in der Hand, lese, lächle – und spüre trotzdem dieses Ziehen im Bauch.
Etwas in mir will festhalten.
Weil Loslassen sich nach Verlust anfühlt.
Weil Leere Angst macht.
Aber dann merke ich:
Vielleicht ist Leere gar kein Ende.
Vielleicht ist sie einfach nur Platz,
den etwas Neues noch nicht gefüllt hat.
Warum ich das schreibe
Ich habe lange geglaubt, Loslassen sei etwas, das man tun muss.
Ein Entschluss. Ein „Jetzt ist Schluss.“
Aber Loslassen ist kein Befehl.
Es ist ein Prozess.
Manchmal schmerzhaft, manchmal still,
manchmal erst spürbar, wenn man längst aufgehört hat, sich dagegen zu wehren.
Loslassen heißt nicht: „Mir ist es egal.“
Loslassen heißt: „Ich vertraue darauf, dass es auch ohne mich weitergeht.“
Einsicht 1: Wir halten nicht fest, weil es schön ist – sondern weil es bekannt ist
Das Festhalten fühlt sich oft sicher an,
selbst wenn es uns längst nicht mehr guttut.
Ein vertrauter Schmerz ist manchmal leichter zu ertragen
als eine unbekannte Freiheit.
Wir bleiben in Routinen, Beziehungen, Gedanken,
weil sie uns wenigstens vertraut sind.
Aber Vertrautheit ist kein Beweis für Richtigkeit.
Manchmal ist sie nur eine Form von Angst.
Einsicht 2: Loslassen heißt nicht wegwerfen
Es geht nicht darum, alles zu vergessen.
Es geht darum, die Dinge in Frieden ruhen zu lassen.
Erinnerungen dürfen bleiben –
sie müssen nur aufhören, dich zu halten.
Loslassen bedeutet:
Ich erkenne an, was war.
Ich danke, was mich geformt hat.
Und ich gehe weiter,
weil ich Platz brauche, um neu zu werden.
Einsicht 3: Kontrolle ist das Gegenteil von Vertrauen
Wir versuchen ständig, das Leben zu managen –
Ergebnisse, Menschen, Gefühle.
Aber Kontrolle ist wie Sand in der Hand:
Je fester du greifst, desto weniger bleibt.
Loslassen ist kein Kontrollverlust.
Es ist eine Entscheidung für Vertrauen.
Vertrauen darauf,
dass das, was bleibt, reicht –
und das, was geht, seinen Sinn hatte.
Einsicht 4: Leere ist kein Loch – sie ist ein Anfang
Es gibt Momente, da fühlt sich Loslassen an wie Sterben.
Aber wenn man durchhält,
kommt irgendwann etwas ganz Stilles danach:
Frieden.
Nicht sofort.
Aber er kommt.
Und dann merkst du,
dass du nicht weniger hast –
sondern mehr Raum für das,
was wirklich zu dir gehört.
Sanfte Einladung
Wenn du magst, probiere heute etwas aus:
- Halte einen Gegenstand, Gedanken oder Namen in der Hand,
den du lange festgehalten hast. - Atme tief ein – und sag innerlich: „Danke, dass du da warst.“
- Dann leg ihn ab.
Nicht, weil du ihn nicht mehr magst –
sondern, weil du dir Platz schenkst.
Loslassen ist kein Ende.
Es ist das stille Öffnen der Tür,
durch die das Neue eintreten darf.
Fußnote an mich selbst
Ich verliere nichts,
wenn ich loslasse.
Ich gewinne nur den Raum,
in dem ich wieder wachsen kann.