Wenn Angst nicht mehr flüstert – und du trotzdem weitergehst
Es gibt Tage, da ist die Angst nicht laut.
Sie klopft nicht, sie schreit nicht – sie sitzt einfach da.
Wie ein Gast, der längst gegangen sein sollte,
aber immer noch in der Ecke steht, die du schon vergessen wolltest.
Du hast sie doch verstanden, denkst du.
Du hast sie analysiert, aufgeschrieben,
du kennst ihre Wurzeln, ihre Auslöser,
du hast sie therapeutisch entwaffnet,
ihr Namen gegeben: Verlust, Scham, Kontrolle, Kindheit.
Und trotzdem steht sie da,
wie ein Schatten, der nicht weiß,
dass die Sonne längst wieder scheint.
Angst ist nicht nur ein Gedanke.
Sie ist Erinnerung in Bewegung –
ein Zittern, das sich im Körper festgesetzt hat,
lange bevor du es „Angst“ nennen konntest.
Manchmal reicht ein Geruch,
ein bestimmter Ton,
ein Satz, den jemand sagt,
und dein Nervensystem drückt auf den Alarmknopf,
noch bevor dein Kopf überhaupt merkt,
dass du längst in Sicherheit bist.
Das ist das Heimtückische:
Der Körper glaubt der Vergangenheit mehr als der Gegenwart.
Ich erinnere mich an einen Tag,
an dem ich nichts weiter tat als Wäsche aufzuhängen.
Die Sonne fiel schräg durch das Fenster,
der Kaffee stand auf dem Tisch,
und plötzlich – ohne Grund –
zog sich mein Brustkorb zusammen,
mein Atem wurde flach,
mein Herz schneller.
Nichts war passiert.
Aber alles war wieder da.
Und in diesem Moment verstand ich:
Angst ist kein Feind,
sie ist ein Echo.
Ein uraltes Signal,
das sagt: „Irgendwann warst du nicht sicher.“
Wir versuchen oft, Angst wegzudenken.
Doch sie lässt sich nicht überreden.
Angst braucht keine Argumente –
sie braucht Beweise.
Und die kann ihr nur der Körper geben.
Ein tiefer Atemzug.
Ein bewusster Schritt.
Eine kleine Bewegung,
die sagt: „Ich bin hier. Jetzt.“
Angst ist nicht immer besiegbar,
aber sie ist formbar.
Man kann ihr beibringen,
dass heute kein Krieg mehr ist.
Ich habe gelernt,
dass Ruhe kein Zufall ist.
Sie ist eine Entscheidung –
wieder und wieder,
bis sie sich irgendwann wie ein Reflex anfühlt.
Ich atme tiefer,
auch wenn mein Körper schreit,
dass das keinen Sinn hat.
Ich bewege mich,
auch wenn die Beine schwer sind.
Ich bleibe,
wo ich früher geflohen wäre.
Das ist keine Stärke,
das ist Übung.
Manchmal tägliche.
Manchmal stündliche.
Angst verschwindet nicht,
wenn man sie hasst.
Sie wird leiser,
wenn man sie sieht,
aber nicht mehr mit ihr geht.
Wenn man aufhört, sie zu bekämpfen,
und anfängt, ihr Grenzen zu zeigen:
„Du darfst mich erinnern,
aber du darfst mich nicht mehr führen.“
Und dann, eines Morgens,
merkst du es.
Die Angst kommt wieder –
aber sie bleibt kürzer.
Sie ist kleiner.
Sie hat weniger Macht.
Und dein Atem reicht,
um sie auszuhalten.
Vielleicht geht es nicht darum, Angst zu besiegen.
Vielleicht geht es darum, ihr einen neuen Platz zu geben.
Nicht mehr in der ersten Reihe,
sondern hinten, auf dem Rücksitz,
wo sie dir nicht mehr ins Ohr schreit,
sondern nur noch leise murmelt:
„Ich bin da – aber du fährst jetzt.“
Und wenn du dann durchatmest,
spürst du vielleicht,
dass Sicherheit kein Zustand ist,
sondern eine Richtung.
Eine, die du wählen kannst.
Immer wieder.