Es gibt Geräusche, die gehören zu einem Datum.
Und es gibt Geräusche, die fressen sich in ein Jahr.

Hier in Brambauer ist das Knallen nicht nur Silvester. Es ist Oktober. November. Irgendein Dienstag, 01:37 Uhr. Manchmal so regelmäßig, dass man beginnt, die Nacht nicht mehr als Ruhe zu planen, sondern als Risiko. In den letzten Monaten wurde das auch öffentlich beschrieben: eine Serie nächtlicher Knallgeräusche und Feuerwerk, Schlafentzug, verängstigte Haustiere, Anwohner, die nicht mehr wissen, ob sie sich an „Silvester“ erinnern oder einfach nur an die nächste Nacht.

Und irgendwann steht man am Fenster, kurz bevor man wieder ins Bett will, und denkt:
Das ist kein „Böller“ mehr. Das ist ein Zustand.

Die alte Debatte

Ich kenne die Grundsatzdiskussion. Ich habe sie oft genug gelesen, oft genug geführt, oft genug innerlich abgekürzt.

Da ist die Tradition: „War schon immer so.“
Da ist der Lärm: Tiere, Babys, Menschen mit Angst, Menschen mit Schichtdienst, Menschen mit Trauma.
Da ist der Müll am nächsten Morgen, die verkohlten Hülsen in Gossen, auf Spielplätzen, in Hecken.
Da sind Verletzungen, jedes Jahr wieder.

Und da ist auch etwas, das man nicht wegreden sollte: Für viele ist Feuerwerk nicht „Krawall“, sondern Ritual. Der Jahreswechsel als Kante im Kalender, und der Knall als Zeichen: Jetzt ist es vorbei. Jetzt beginnt etwas Neues.

Diese Tradition reicht weit zurück. Feuerwerk hat Wurzeln in China, ursprünglich auch als Lärm gegen das Unheil, gegen Geister, gegen die Dunkelheit.
Auch hierzulande war das „Knallen“ nie nur Spiel, sondern Brauch: Krachmachen zur Jahreswende, um „das Alte“ zu vertreiben.
Selbst das Wort Böller trägt Geschichte in sich – von Signalen, Kanonen, dem Böllerschießen als Tradition, lange bevor es um Supermarktware ging.

Das alles kann man wissen und trotzdem sagen:
Ja, es gibt Grenzen.

Es gab schon immer Idioten – aber es war anders

Das ist der Satz, den ich mir selbst nicht verbieten will, weil er stimmt: Idioten gab es immer.
Menschen, die übertreiben. Menschen, die nicht nachdenken. Menschen, die den Abend brauchen, um groß zu wirken.

Aber etwas hat sich verschoben.

Früher war der Knall oft ein Knall in den Himmel.
Heute ist er manchmal ein Knall gegen Menschen.

Diese Verschiebung ist nicht nur Gefühl. In den letzten Jahren sprechen Polizei, Medien und Verbände immer wieder über Angriffe auf Einsatzkräfte, über gezieltes Werfen von Pyrotechnik, über eine Stimmung, die man nicht mehr „Feierlaune“ nennen kann.

Viele nennen die Silvesternacht 2022/23 eine Zäsur – weil die Bilder aus Berlin (und anderen Städten) eine neue Qualität gezeigt haben: Attacken auf Feuerwehr, Rettungsdienste, Polizei, in einer Intensität, die eine breite Debatte ausgelöst hat.
Gleichzeitig: Ganz neu war es nicht. Berichte und Rückblicke verweisen darauf, dass es auch früher schon Angriffe und „Böller gegen Polizei“-Meldungen gab – nur hat sich die öffentliche Wahrnehmung und Häufung in den letzten Jahren deutlich verdichtet.

Seitdem reagiert Politik und Verwaltung sichtbar: größere Verbotszonen, mehr Einsatzkräfte, neue Taktiken, sogar zusätzliche Bodycams für Polizei und Feuerwehr in Hochrisikonächten.

Und über allem schwebt ein zweiter Faktor: illegale, deutlich stärkere Pyrotechnik (bis hin zu professionellen Kategorien, die nicht in private Hände gehören) – beschafft über Schmuggel, Handel, Netzwerke.

Brambauer ist nicht Berlin – und genau das macht es so unerquicklich

Hier ist es oft nicht die eine Nacht, für die man sich innerlich wappnet.
Hier ist es dieses „ganzjährig“.

Und dann sind da nicht nur die Knaller.

Da sind diese anderen Geräusche, bei denen man nicht mehr weiß, ob es „Böller“ sind oder etwas, das schon in Richtung Detonation als Mutprobe kippt – Spraydosen, Deoflaschen, Lachgas-Behälter, irgendwas, das man missbraucht, weil der Knall billig ist und der Kick sofort. Ich schreibe das bewusst ohne Details, weil es nicht romantisch, nicht clever, nicht „Jugend“ ist, sondern gefährlich. Und weil es die Sorte Gefahr ist, die selten den trifft, der sie provoziert.

Dass so etwas real eskalieren kann, ist leider keine Theorie: Es gibt immer wieder Berichte über schwere Unfälle und Explosionen im Zusammenhang mit Deospray/entzündlichen Gasen, teils mit schweren Verletzungen.

Und während man das liest, hört man nachts wieder einen Schlag, der zu tief klingt, um harmlos zu sein.

Die unsichtbaren Schäden

Bei Feuerwerk denkt man schnell an Hände, Augen, Krankenhäuser. Und ja: Diese Liste ist jedes Jahr da.

Aber hier im Alltag sind es oft andere Dinge:

  • Tiere, die zittern, weglaufen, sich verkriechen – weil Lärm für sie nicht „Tradition“, sondern Bedrohung ist.
  • Müll, der nicht nur „unschön“ ist, sondern zeigt, dass Rücksicht an der Stelle endet, wo niemand zusieht.
  • Schlaf, der fehlt – und Schlafmangel macht Menschen nicht besser. Er macht sie dünnhäutig. Er macht Familien schneller laut. Er macht ohnehin Belastete noch belasteter.

Und irgendwann ist der Schaden nicht mehr spektakulär.
Er ist schleichend.

Was ist passiert – gesellschaftlich, nicht moralisch

Ich glaube nicht, dass „die Jugend“ schlimmer ist als früher.
Ich glaube eher, dass sich Rahmenbedingungen geändert haben:

  1. Verfügbarkeit und Aufrüstung: Illegale Pyrotechnik ist ein eigener Markt geworden, mit Kanälen, die früher so nicht existierten.
  2. Aufmerksamkeit als Treibstoff: Wer etwas filmt, wer etwas postet, wer „Action“ produziert, bekommt Sichtbarkeit. Ein Knall wird dann nicht mehr erlebt, sondern vorgeführt.
  3. Verrohung in kleinen Dosen: Nicht die große Katastrophe. Sondern die vielen Situationen, in denen Respekt ausfällt, weil er sich nicht lohnt. Und plötzlich ist eine Feuerwehr nicht mehr „Hilfe“, sondern „Gegner im Spiel“.
  4. Nachwirkungen der Ausnahmejahre: Nach den Pandemiejahren, in denen vieles verboten/verschoben war, hat sich vieles entladen – nicht bei allen, aber sichtbar bei einigen. (Das wird in Rückblicken auf 2022/23 häufig als Kontext mitdiskutiert.)

Das erklärt nichts weg.
Aber es erklärt, warum sich etwas anders anfühlt.

Kein Urteil. Ein Wunsch.

Ich will diesen Text nicht schreiben, um Menschen zu beschämen, die an Silvester ein paar Raketen zünden. Für viele ist das wirklich Ritual, Erinnerung, Familie, Kindheit, so auch für mich.

Ich schreibe ihn, weil ich mir etwas zurück wünsche, das sich leise verabschiedet hat:

Dass ein Knall wieder ein Zeichen sein darf – und nicht eine Drohung.
Dass Tradition wieder Fest sein kann – und nicht Kriegsspiel.
Dass Einsatzkräfte nicht „mit einkalkuliert“ werden als Zielscheibe.
Und dass ein Stadtteil nicht über Wochen nachts zusammenzuckt, weil irgendwer Langeweile mit Macht verwechselt.

Vielleicht beginnt es nicht mit Verboten oder Parolen.
Vielleicht beginnt es mit einer simplen Erinnerung:

Der Jahreswechsel ist eine Kante. Ja.
Aber die Menschen um uns herum sind es nicht.

Und wenn wir schon Lärm machen, um das Alte zu vertreiben, dann lasst uns wenigstens nicht das vertreiben, was wir im neuen Jahr am dringendsten brauchen:

Rücksicht. Ruhe. Verbindung.