Es gibt Tage, da ist nichts passiert, was man „Grund“ nennen würde. Kein Streit. Keine schlechte Nachricht. Keine Katastrophe.

Und trotzdem ist sie plötzlich da.

Nicht dramatisch. Nicht laut.
Eher wie ein Raum, der sich minimal vergrößert hat, ohne dass man es sofort merkt. Alles ist wie immer – und genau das macht es so irritierend. Man steht in der Küche, macht etwas ganz Normales, und merkt: Ich bin da, aber innerlich nicht ganz.

Die Leere kommt nicht als Schmerz.
Sie kommt als Abwesenheit.

Als weniger Farbe im Kopf. Weniger Lust im Körper. Weniger „Ja“ in den Gedanken.
Man funktioniert, man bewegt sich, man erledigt, was zu erledigen ist – und gleichzeitig ist da dieses nüchterne Gefühl: Heute ist innen nichts, woran ich mich anlehnen kann.

Ich habe lange versucht, sie zu vermeiden.
Nicht bewusst, eher reflexartig.

Dann füllt man den Tag, füllt die Stille, füllt die Minuten. Man sucht nach etwas, das wieder „Sinn“ oder „Stimmung“ macht. Und wenn es nicht kommt, wird man ungeduldig – mit sich selbst, manchmal auch mit allem um sich herum.

Aber die Leere lässt sich nicht wegdiskutieren.
Sie lässt sich auch nicht „richtig denken“.

Sie ist wie Wetter. Nicht als Metapher, sondern als Realität: Es gibt Tage, da ist die Luft klar. Und es gibt Tage, da hängt Nebel. Der Nebel ist nicht die Welt. Er ist nur das, was gerade zwischen mir und der Welt liegt.

Das Schwierige ist nicht, dass Leere auftaucht.
Das Schwierige ist, was der Kopf daraus macht.

Er will erklären. Er will einen Grund. Er will eine Geschichte, die alles ordnet.
Und weil er keine findet, bietet er gern eine einfache an:

„Da stimmt etwas nicht.“
„Du müsstest doch dankbar sein.“
„Du verschwendest Zeit.“
„Andere kriegen das auch hin.“

Diese Sätze wirken wie Wahrheit, sind aber oft nur der Versuch, einen Zustand zu kontrollieren, der sich nicht kontrollieren lässt.

Ich übe inzwischen etwas anderes.
Nicht als Technik, eher als Haltung:

Ich lasse die Leere eine Weile neben mir sitzen, ohne sie sofort zu interpretieren.

Nicht: „Warum ist das so?“
Sondern: „Ah. Da ist sie wieder.“

Das klingt banal, aber es verändert den Ton.
Die Leere wird dann nicht zum Beweis, dass etwas kaputt ist. Sie wird zu einem Signal: Heute ist ein ruhiger Tag innen. Mehr nicht.

Manchmal hilft mir, etwas ganz Kleines zu tun, das nicht „produktiv“ sein muss. Nicht, um die Leere zu vertreiben, sondern um ihr nicht auch noch Kampf zu schenken. Ein Tee. Ein paar Schritte. Ein Fenster auf. Ein Satz auf Papier, der nicht schön sein muss.

Und manchmal hilft am meisten, aufzuhören, die Leere moralisch zu behandeln.

Leere ist kein Fehler.
Sie ist kein Charakter.
Sie ist kein Urteil über mein Leben.

Sie ist ein Zustand, der kommt und geht.
Wie Nebel. Wie Windstille. Wie ein Tag ohne große Ausschläge.

Und vielleicht ist das die eigentliche Übung:
Nicht alles sofort zu füllen.
Nicht alles sofort zu erklären.
Nicht aus jedem inneren Wetterbericht eine Diagnose zu machen.

Manchmal ist die Leere einfach nur Leere.

Und manchmal ist genau das okay.