Wenn ich nur existiere, wenn ich nützlich bin
Über Nachrichten, die wie kleine Formulare wirken – und warum das nicht nur mein Problem ist, sondern unseres
Content Note: In diesem Text geht es um emotionale Ausnutzung, Erwartungsdruck und das Gefühl, nur als „nützlich“ zu zählen
„Hey du 😊, kurze Frage…“
Es fängt oft freundlich an.
„Hey du 😊, wie geht’s dir?“
Und noch bevor ich antworten kann, kommt hinterher:
„Sag mal, du kennst dich doch mit … aus, könntest du mal schnell…?“
Manchmal fällt der erste Satz sogar ganz weg.
Da steht dann einfach direkt:
- „Kannst du mir mal eben bei … helfen?“
- „Hast du kurz Zeit, was zu lesen?“
- „Kannst du mich mal empfehlen bei …?“
Ich merke, wie mein Bauch jedes Mal ein kleines bisschen fester wird. Nicht, weil ich grundsätzlich nichts geben möchte. Sondern, weil es sich anfühlt, als würde ich nur dann sichtbar, wenn irgendjemand Bedarf anmeldet.
Wenn ich nützlich bin, bin ich da.
Wenn ich „nur“ ich bin, falle ich durch das Raster.
Es liegt nicht nur an einzelnen Menschen
Es wäre zu einfach, jetzt über „die anderen“ zu schimpfen.
Ja, es gibt Leute, die Kontakt wie ein Werkzeug benutzen.
Aber das Muster, in dem wir landen, ist größer als einzelne Chats.
Wir leben in einer Welt, in der fast alles nach Nutzen bewertet wird:
- Im Job zählt, was du leistest.
- In Social Media zählt, wie viel du sendest, nicht, wie echt du bist.
- In Netzwerken zählt, wen du kennst und was du „mitbringen“ kannst.
„Vitamin B“ ist längst kein Schimpfwort mehr, sondern Karriere-Tipp.
Wir reden über „Kontakte pflegen“, meinen aber oft: „Kontakte warmhalten, falls man sie mal braucht.“
Und irgendwo dazwischen sitzen Menschen, die plötzlich merken:
Ich bekomme nur Nachrichten, wenn jemand einen Gefallen braucht.
Nicht, wenn jemand wirklich wissen will, wie es mir geht.
Die stille Nebenwirkung: innere Erschöpfung
Dieses Muster hat einen Preis.
Wenn ich immer dann anspringe, wenn jemand etwas will, passiert im Hintergrund etwas Seltsames:
- Ich verliere mein eigenes Tempo.
Fremde Dringlichkeiten übernehmen meinen Kalender. - Ich verwechsle Wert mit Nutzen.
Ein Teil in mir glaubt: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich funktioniere.“ - Ich fange an, auf jede neue Nachricht mit Müdigkeit zu reagieren.
Selbst dann, wenn sie vielleicht ehrlich gemeint ist.
Das ist die bittere Ironie:
Je öfter Menschen nur kommen, wenn sie etwas brauchen, desto mehr ziehe ich mich insgesamt zurück – auch von denen, die wirklich Verbindung wollen.
Kleine Inventur: Wer kommt warum?
Ich habe neulich eine unspektakuläre Übung gemacht:
Ich bin meine letzten Chatverläufe durchgegangen und habe mir neben jeden Namen nur ein Wort geschrieben:
- „Braucht was“
- „Teilt was“
- „Fragt nach mir“
- „Mischung“
Das war kein wissenschaftlicher Test, eher ein Gefühlsthermometer.
Aber das Bild war eindeutig:
Es gab erstaunlich viele „Braucht was“–Kontakte.
Sehr wenige „Fragt nach mir“.
Und ein paar, bei denen es sich nach echter Mischung anfühlte.
Das tat weh.
Nicht, weil alle „Braucht was“-Leute böse wären.
Sondern, weil ich gemerkt habe, wie sehr ich mich an dieses Ungleichgewicht gewöhnt habe.
Gesellschaftliches Problem, persönliche Grenzen
Ich glaube, wir haben als Gesellschaft ein Problem, das ungefähr so klingt:
„Ich halte dich mir warm, falls du mir mal nützlich sein könntest.“
Wir nennen es „Netzwerken“, „Synergien“ oder „Kontakte pflegen“.
Und natürlich gibt es gute, faire Formen davon.
Aber irgendwo ist eine Grenze überschritten, wenn Menschen anfangen, sich wie kleine Dienstleistungsstationen zu fühlen:
- „Der ist gut in Technik, den frage ich, wenn was kaputt ist.“
- „Die kann gut zuhören, die rufe ich an, wenn es mir schlecht geht.“
- „Der hat Connections, den brauche ich für meinen nächsten Schritt.“
Nichts davon ist grundsätzlich schlimm – solange es nicht einseitig bleibt.
Das Problem ist nicht, dass wir einander etwas fragen.
Das Problem ist, wenn das der einzige Grund für Kontakt ist.
Was ich für mich ändere
Ich kann die Gesellschaft nicht umbauen.
Aber ich kann mein eigenes Verhalten anpassen – in beide Richtungen.
1. Ich antworte öfter ehrlich.
Statt automatisch zu springen, schreibe ich manchmal:
- „Ich merke, dass ich gerade keine Kapazität habe, dir dabei zu helfen.“
- „Ich fühle mich in unserer Verbindung oft nur gefragt, wenn etwas gebraucht wird. Das macht etwas mit mir.“
Das ist unangenehm.
Aber es ist ehrlicher, als jedes Mal müde „klar, mach ich“ zu sagen und innerlich auszubrennen.
2. Ich prüfe meine eigenen Nachrichten.
Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich manchmal jemandem schreibe, weil ich etwas brauche.
Dann halte ich kurz inne und ergänze wenigstens das, was ehrlich dazugehört:
- „Hi, ich weiß, ich melde mich selten. Wie geht es dir? Und: Ich hätte eine Frage…“
Oder ich überlege:
Muss diese Person das wirklich sein?
Oder traue ich mich nur nicht, woanders anzuklopfen – bei einer Stelle, die eigentlich zuständig wäre?
3. Ich suche mir Räume, in denen ich nichts leisten muss.
Menschen, bei denen ich auch sein darf, wenn ich gerade nichts zu geben habe.
Gespräche, die nicht in „kannst du mal“ enden.
Momente, in denen niemand etwas von mir will.
Das sind die Verbindungen, die mir zeigen:
Ich existiere, auch wenn ich gerade nicht nützlich bin.
Eine Einladung an dich (und uns alle)
Vielleicht magst du einmal still für dich prüfen:
- Gibt es Menschen, bei denen du dich nur meldest, wenn du etwas brauchst?
- Gibt es Menschen, die sich bei dir nur dann melden?
- Wie würde es aussehen, wenn du bei einer Person in deinem Leben diese Woche ohne Anliegen anklopfst – einfach nur, um zu fragen, wie es ihr geht?
Das löst nicht das große gesellschaftliche Problem.
Aber irgendwo müssen wir anfangen, dieses Muster zu durchbrechen.
Vielleicht genau da, wo wir das nächste Mal eine Nachricht schreiben –
und uns fragen, ob der Mensch dahinter mehr ist als sein Nutzen für uns.