Wenn Wahrheit Content wird – und Empathie zur Währung
Manchmal scrollt man durch den Feed und spürt plötzlich etwas, das sich nach Wahrheit anfühlt.
Ein Gesicht ohne Filter.
Eine Stimme, die zittert.
Ein Geständnis, das zu echt ist, um gespielt zu sein.Und bevor man es merkt, bleibt man stehen.
Weil Echtheit selten geworden ist.
Oder weil sie sich so anfühlt.
Aber dann blendet sich die Realität ein – ein Link, ein Hashtag, ein Call-to-Action: „Mehr dazu in den Kommentaren. Jetzt abonnieren.“
Und plötzlich ist selbst die Träne im Auge eines Fremden nur noch Teil einer Strategie.
Wahrheit, verpackt in Emotion.
Damit sie klickbar bleibt.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen nicht mehr nur ihre Meinung posten –
sie inszenieren ihre Verletzlichkeit.
Weil sie wissen, dass Schmerz verkauft.
Dass Betroffenheit Aufmerksamkeit bringt.
Dass man in Sekunden Millionen erreicht, wenn man das Richtige sagt, bevor man fühlt, was man eigentlich sagen wollte.
Aber was bleibt, wenn alles gesagt wurde?
Wenn Schmerz kein Raum mehr ist, sondern ein Algorithmus?
Wenn man Mitgefühl nicht mehr lebt, sondern veröffentlicht?
Ich frage mich manchmal, ob wir noch wissen, wie es sich anfühlt, jemandem einfach zuzuhören, ohne ihn zu analysieren.
Ob wir noch fähig sind, eine Geschichte zu lesen, ohne zu denken:
„Das wäre ein guter Clip.“
Oder „Das könnte viral gehen.“
Echte Geschichten brauchen Stille.
Aber das Netz kennt keine.
Es will Lautstärke, Zuspitzung, Drama.
Und selbst das Mitgefühl kommt heute mit Musik unterlegt, Schnitt in Zeitlupe, Hashtag: #authenticmoment.
Ich habe einmal erlebt, wie jemand seine Trauer auf TikTok geteilt hat.
Ehrlich. Roh.
Und doch – tausende Kommentare darunter, die fragten:
„Was ist passiert?“
„Wer ist gestorben?“
„Mach Teil 2!“
Wir haben verlernt, dass echtes Leid kein Cliffhanger ist.
Dass es keine Fortsetzung braucht.
Und dass man jemanden nicht versteht, weil man seine Story liked.
Vielleicht sollten wir uns wieder fragen:
- Muss jede Wahrheit geteilt werden, um echt zu sein?
- Müssen wir alles sehen, um mitzufühlen?
- Und wann wurde Empathie zur Währung, die wir gegen Reichweite tauschen?
Fußnote an mich selbst:
Ich will keine Wahrheit, die klickt.
Ich will eine, die still bleibt.
Die nicht verkauft wird, sondern verstanden.
Denn was echt ist, braucht kein Publikum –
nur Menschen, die hinsehen, ohne mitzuschneiden.