Wenn wir uns die Welt machen – und manchmal müssen
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich stur bleibe, obwohl ich längst weiß, dass ich falsch liege.
Nicht aus Stolz. Nicht, weil ich anderen etwas beweisen will.
Sondern weil meine kleine, selbstgezimmerte Wahrheit gerade das Einzige ist, was mich aufrecht hält.
Ich glaube, wir alle haben unser eigenes Stück Pippi Langstrumpf in uns.
Wir malen uns die Welt, wie wir sie aushalten.
Manche nennen das Realitätsflucht – ich nenne es Überleben.
Wenn die eigene Wahrheit Schutz ist
„Ich mach’ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“ – dieser Satz wurde jahrzehntelang belächelt.
Aber ehrlich: Wer von uns macht das nicht?
Wir alle filtern. Sortieren. Werten.
Wir halten an Überzeugungen fest, weil sie uns Struktur geben in einem Chaos, das oft zu groß ist, um es zu fassen.
Wenn man alles wahrnimmt, wenn man alles zulässt – die Kriege, die Ungerechtigkeit, die Einsamkeit hinter den Haustüren –
dann hält das kein Mensch lange aus.
Also bauen wir Mauern aus „Darum!“ und „Ich glaube, das ist so!“ – kleine geistige Zufluchtsorte, in denen die Welt wenigstens für einen Moment begreifbar bleibt.
Die Denkfalle derer, die Recht haben wollen
Es ist leicht, andere als „realitätsfern“ zu bezeichnen.
Schwerer ist es, zu erkennen, wann man selbst derjenige ist, der sich an eine Wahrheit klammert, weil die andere zu weh tun würde.
Wir reden oft von „Fakten“, als wären sie stabil.
Doch was wir sehen, hängt immer davon ab, wo wir stehen.
Dasselbe Bild – und zwei Menschen sehen Gegensätze.
Dasselbe Ereignis – und zwei Herzen reagieren völlig verschieden.
Der eine sieht Gefahr, der andere Hoffnung.
Wer hat recht? Vielleicht keiner. Vielleicht beide.
Zwischen Verdrängung und innerem Frieden
Manche Realitätsverweigerung ist gefährlich – ja.
Wenn sie Schuld leugnet, Leiden ignoriert, Geschichte verdreht.
Aber manchmal ist sie einfach menschlich.
Ein Reflex, um weiterzumachen.
So wie die Frau, die sagt: „Es geht mir gut“, obwohl sie kaum schläft.
Oder der Mann, der meint: „Ich hab das im Griff“, weil er sonst zugeben müsste, dass er Angst hat.
Vielleicht ist Pippis bunte Welt weniger Naivität –
und mehr Mut, sich nicht von der Dunkelheit auffressen zu lassen.
Ein kleiner Realitätscheck für uns alle
- Wo beginne ich, Dinge zu glauben, nur weil sie sich gut anfühlen?
- Wo verweigere ich den Blick, weil er zu weh tun würde?
- Und wo darf ich mich selbst schützen, ohne mich selbst zu verlieren?
Es ist kein Fehler, sich die Welt manchmal ein bisschen heller zu denken.
Aber es wird gefährlich, wenn wir glauben, nur unsere Farbe sei echt.
Fußnote an mich selbst
Ich will die Welt nicht schönlügen.
Aber ich will sie auch nicht verlernen zu sehen.
Vielleicht ist der einzige Weg, klarzusehen,
sie hin und wieder leise zu zeichnen –
in Farben, die mich nicht zerbrechen.