Wo wir Raum schaffen, damit die Straße atmen kann
Über Drogenkonsumräume in Dortmund — warum abgeschottete Flächen nicht Kapitulation sind, sondern Einladung.
Content Note:
Der Text thematisiert Drogenkonsumräume, städtische Lösungen und die Spannung zwischen Sorge um öffentliche Ordnung und Sorge um Menschenleben. Keine Wertungen gegen Betroffene — sondern ein Blick auf Verantwortung und Menschlichkeit.
Die Szene
Ich laufe durch die City.
Ecken, an denen früher nur Leute vorbeigingen, tragen jetzt Schilder, kleine Pavillons, Toilettenhäuschen — Dinge, die sagen sollen: Hier wird etwas geregelt.
Gegenüber dem Grafenhof ist eine neue Aufenthaltsfläche entstanden: überdacht, mit Toiletten, mit einer Möglichkeit, sich kurz zurückzuziehen. Menschen sitzen da, manche reden leise, andere warten auf einen Platz im Konsumraum. Anwohnende und Händler sagen, die Fläche entlaste die Straße. (Dortmund)
Es ist kein idyllischer Anblick. Aber es ist ein Eingeständnis: Wir teilen denselben Raum — und wenn wir ihn teilen, können wir ihn auch menschlicher machen.
Der Gedanke dahinter
Wenn Städte wie Dortmund Räume schaffen, in denen Drogenkonsum unter Aufsicht erlaubt ist, dann ist das keine Kapitulation vor einem Problem — es ist eine Praxis, die Leben schützen will. Der Konsumraum in der Innenstadt (Café Kick) existiert seit Jahrzehnten und hat in dieser Zeit unzählige Notfälle verhindert; er bietet sterile Utensilien, Beratung und Soforthilfe bei Überdosierungen. (saferuse-nrw.de)
Dass jetzt über temporäre Entlastungsstandorte und weitere feste Räume diskutiert und gebaut wird, zeigt zwei Dinge: Erstens, dass der Bedarf sichtbar ist; zweitens, dass Politik und Verwaltung versuchen, zwischen öffentlicher Ordnung und Fürsorge zu vermitteln. (Dortmund)
Einsicht 1 — Raum ist keine Akzeptanz, sondern ein Werkzeug
Manche befürchten einen „Pull-Effekt“: Konsumräume könnten Leute aus anderen Stadtteilen anziehen. Internationale Studien weisen darauf hin, dass solche Räume Effekte auf das öffentliche Bild haben können — aber oft reduzieren sie zugleich das Konsumieren an Spielplätzen, Bahnhöfen und anderen sensiblen Orten. Einrichtungen sollen hygienische Bedingungen, Notfallversorgung und niedrigschwellige Hilfe bieten. (EUDA)
In Dortmund versucht man, das praktisch zu denken: Neben dem Konsumraum selbst wurde eine Freifläche angemietet, damit Menschen nicht im direkten Umfeld auf den Gehwegen sitzen müssen — ein Instrument, das sowohl Nutzerinnen als auch Anwohnerinnen entlasten soll. (Dortmund)
Einsicht 2 — Das Ziel ist Gesundheit, nicht Toleranz um jeden Preis
Ein Konsumraum ist in erster Linie ein Gesundheitsangebot: sterile Spritzen, Beratung, Soforthilfe. Diese pragmatische Perspektive rettet Leben und schafft Kontakt zu Menschen, die sonst abgehängt bleiben. Die Dortmunder Akteur*innen nennen Jahr für Jahr dutzende vermiedener Notfälle als Erfolg — das ist nicht nur Statistik, das sind Menschen, die lebten, weil Hilfe griff. (Ruhr Nachrichten)
Natürlich bleibt die Frage nach Nachbarschaftsverträglichkeit. Deshalb werden Räume oft bewusst abgeschottet, mit Ausweichflächen und begleitenden sozialen Angeboten. Es ist kein Entweder-Oder, sondern ein Arbeiten an beidem: Ordnung und Fürsorge gleichzeitig.
Einsicht 3 — Politik ist Problemmanagement und moralische Entscheidung zugleich
Die Stadt plant temporäre Standorte (z. B. Rheinische Straße 111) und sucht Immobilen, die sich technisch und organisatorisch eignen. Diese Entscheidungen kosten Geld, provozieren Debatten und verlangen, dass Behörden Verantwortung übernehmen — nicht nur rhetorisch, sondern praktisch. (Dortmund)
Ein Drogenkonsumraum ist deshalb keine „Lösung“ im letzten Sinn. Er ist ein Teil eines System-Antwortgefüges: Versorgung, Wohnung, Therapieplätze, Sozialarbeit, Nachbarschaftsmanagement. Ohne diese Begleitung sind reine Räume nur leere Gebäude.
Warum ich das schreibe
Weil die einfachste Reaktion oft Wegsehen ist. Wenn etwas stört, bauen wir Zäune — oder wir sprechen laut über Probleme, ohne Lösungen anzubieten. In Dortmund versucht man beides zu vermeiden: man schafft Raum, betreibt Begleitung, und testet Modelle, um Schaden zu begrenzen und Menschen nicht allein zu lassen. Das verdient Aufmerksamkeit — und kritische Begleitung, nicht nur Empörung. (Dortmund)
Sanfte Einladung
Wenn du das nächste Mal an so einem Ort vorbeigehst: Schau nicht nur auf das, was stört. Frag dich: Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Wer arbeitet daran, was zu ändern? Und wie sähe eine Stadt aus, in der Menschenleben mehr zählen als Ästhetik?
Wenn du willst, schreib an lokale Politiker*innen, informiere dich bei lokalen Drogenhilfeeinrichtungen (z. B. Aidshilfe / Café Kick), oder nimm an einer Bürgeranhörung teil — Beteiligung verändert Rahmenbedingungen. (Drogenhilfeeinrichtung k!ck)
Fußnote an mich selbst
Stadtplanung ist immer ein Kompromiss zwischen Ordnung und Barmherzigkeit. Konsumräume sind unkomfortabel in ihrer Direktheit — und genau deshalb notwendig. Sie erinnern uns, dass Politik nicht nur Regulieren heißt, sondern auch Fürsorge.
Quellen / für Interessierte
- Infos zum temporären Entlastungsstandort an der Rheinischen Straße (Stadt Dortmund). (Dortmund)
- Drogenhilfeeinrichtung k!ck / Konsumraum (Leistungen & Angebot). (Drogenhilfeeinrichtung k!ck)
- Berichte zur neuen Aufenthaltsfläche und Entlastung des Umfelds (Dortmund-Newsroom / DO! City). (Dortmund)
- Hintergrund zur langen Geschichte des Dortmunder Konsumraums (Aidshilfe / Jubiläumsinfo, sowie RuhrNachrichten). (saferuse-nrw.de)
- Bericht zu Planungen für zweiten Konsumraum (RuhrNachrichten / Stadtentscheidungen). (Ruhr Nachrichten)