Zu teuer für den einen. Zu wenig für den anderen.
80 Euro für einen Haarschnitt. 300 Euro für eine aufwendige Haarfarbe.
Für manche ist das ein ganz normaler Termin. Für andere eine Entscheidung zwischen Friseur und Wocheneinkauf.
Und schon beginnt die Diskussion.
Der Friseur sei zu teuer. Der Kunde verstehe nichts von Betriebskosten. Die einen sprechen von Wucher, die anderen von gestiegenen Löhnen, Miete, Strom und Steuern.
Und wisst ihr, was das eigentlich Traurige daran ist?
Beide haben recht.
Der Friseur kann einen vollen Terminkalender haben und trotzdem abends vor Rechnungen sitzen, die ihm den Schlaf rauben.
Und die Kundin kann jeden Morgen zur Arbeit gehen und trotzdem überlegen müssen, ob sie sich den nächsten Haarschnitt überhaupt leisten darf.
Zwei Menschen, die arbeiten. Zwei Menschen, die rechnen. Und keiner weiß mehr, wo das Geld eigentlich bleibt.
Wenn selbst Kleinigkeiten groß werden
Es ist ja längst nicht mehr nur der Friseur.
Es ist das belegte Brötchen, bei dem man kurz auf das Preisschild schaut. Der Kaffee, den man sich dann doch lieber zu Hause macht. Der Restaurantbesuch, der seit Monaten auf irgendwann verschoben wird.
Und irgendwann merkt man, dass man gar nicht mehr bewusst verzichtet.
Man hat sich einfach daran gewöhnt.
Daran, Dinge zurückzulegen. Wünsche kleiner zu machen. Beim Einkaufen zu rechnen, bevor überhaupt etwas im Wagen liegt.
Aus einem „Das gönne ich mir mal“ wird ein „Muss das wirklich sein?“.
Und aus einem ganz normalen Leben wird eine Aneinanderreihung kleiner Entscheidungen darüber, worauf man heute wieder verzichtet.
Besonders bitter finde ich, dass wir uns dafür inzwischen sogar rechtfertigen.
Der Unternehmer erklärt, warum seine Arbeit so teuer geworden ist. Der Kunde erklärt, warum er sie nicht mehr bezahlen kann.
Als müsste sich einer von beiden dafür entschuldigen, dass er überleben möchte.
Das Problem sitzt nicht auf dem Friseurstuhl
Natürlich muss ein Betrieb wirtschaftlich arbeiten. Natürlich verdienen Beschäftigte vernünftige Löhne. Und natürlich kann ein Kunde kein Geld ausgeben, das er nicht hat.
Aber was passiert eigentlich, wenn sich die Menschen gegenseitig nicht mehr bezahlen können?
Wenn der Handwerker seinen eigenen Friseurbesuch verschiebt. Der Friseur den Restaurantbesuch streicht. Der Kellner den Handwerker nicht bezahlen kann.
Dann sparen sich irgendwann alle gegenseitig die Existenzgrundlage weg.
Und während wir darüber diskutieren, wer zu viel verlangt, übersehen wir, wie viel wir bereits verloren haben.
Nicht unbedingt an Geld.
Sondern an Selbstverständlichkeit.
An diesem Gefühl, arbeiten zu gehen, seine Rechnungen zu bezahlen und sich zwischendurch auch einmal etwas Schönes leisten zu dürfen. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne Taschenrechner. Ohne die Frage, was dafür am Ende des Monats fehlen wird.
Ich möchte keinem Friseur vorschreiben, was seine Arbeit kosten darf. Aber ich möchte auch keinem Menschen erklären müssen, dass er sich einen einfachen Haarschnitt eben nicht mehr leisten kann.
Denn irgendwann geht es nicht mehr darum, ob etwas seinen Preis wert ist.
Sondern darum, ob unser Leben nur noch aus dem Bezahlen des Notwendigsten bestehen soll.
Und das eigentlich Erschreckende?
Wir regen uns kaum noch darüber auf, dass wir auf immer mehr verzichten müssen.
Wir nennen es inzwischen vernünftig.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir anfangen sollten, uns Sorgen zu machen.