Ich sitze im Bus auf dem Weg nach Hause. Ein ganz normaler Abend, eigentlich.
Menschen steigen ein, andere aus. Jacken rascheln, irgendwo klingelt ein Handy, draußen zieht die Stadt in Scheiben vorbei.

Hinter mir zwei Stimmen.

Am Anfang sind sie nur da. Wie so vieles im Alltag einfach da ist.
Ein paar Worte, ein Satzfetzen – nichts, woran man sich stört.
Doch dann wiederholt es sich.

„Wallah, ich schwöre…“
„Wichser, Alter…“
„Ich schwöre…“

Immer wieder. Gleiche Worte. Gleiche Tonlage. Gleiche Leere.

Und irgendwann merkst du:
Das ist kein Gespräch. Das ist ein Loop.

Ein Kreisen um nichts.
Ein Reden ohne Richtung.
Ein Aneinanderreihen von Lauten, die einmal Bedeutung hatten – und jetzt nur noch benutzt werden, weil sie verfügbar sind.

Mit jeder Minute wird es lauter.
Nicht plötzlich, nicht explosionsartig – eher schleichend.
Als würde die Lautstärke versuchen, etwas auszugleichen, das inhaltlich nie da war.

Und genau das macht es so anstrengend.

Nicht die Wörter an sich. Nicht einmal die Beleidigungen.
Sondern diese Gleichgültigkeit gegenüber Sprache.

Als wäre es egal, was man sagt.
Hauptsache, man sagt irgendetwas.
Hauptsache, es ist laut genug, dass niemand mehr auf die Idee kommt, nachzudenken.

Dabei könnten wir so viel mehr.

Wir haben Sprachen, die tragen.
Die differenzieren.
Die Gefühle nicht nur andeuten, sondern greifbar machen können.

Wir haben Worte für Zweifel, für Angst, für Hoffnung.
Für das, was zwischen zwei Menschen passiert, ohne dass man es sofort versteht.

Und dann sitzt du da und hörst, wie all das reduziert wird auf ein paar Floskeln, die sich selbst immer weiter entwerten.
Wie „ich schwöre“ nichts mehr schwört.
Wie jedes „Alter“ nur noch ein Lückenfüller ist.
Wie selbst Beleidigungen ihren Biss verlieren, weil sie inflationär geworden sind.

Es ist, als würde man ein Werkzeug haben, das alles kann –
und sich bewusst dafür entscheiden, es nur noch als Lärmquelle zu benutzen.

Vielleicht ist es Bequemlichkeit.
Vielleicht Unsicherheit.
Vielleicht auch einfach Gewohnheit.

Denn echte Worte verlangen etwas.

Sie verlangen, dass man kurz innehält.
Dass man überlegt, was man eigentlich sagen will.
Dass man Verantwortung übernimmt für das, was man in den Raum stellt.

Dieses Gerede verlangt nichts.

Es ist sofort da, sofort verfügbar, sofort verbraucht.
Und genau deshalb bleibt auch nichts übrig.

Außer Lautstärke.

Und die wird irgendwann unerträglich.

Nicht, weil sie physisch laut ist – sondern weil sie alles andere überdeckt.
Die leisen Gespräche.
Die Gedanken im eigenen Kopf.
Die Möglichkeit, dass Sprache auch etwas Schönes, Präzises, vielleicht sogar Ehrliches sein könnte.

Dreißig Minuten Fahrt.

Dreißig Minuten, in denen kein einziger Satz gefallen ist, der trägt.
Kein Gedanke, der sich festsetzt.
Keine Pause, in der man merkt: Hier passiert gerade etwas zwischen Menschen.

Nur Worte, die sich gegenseitig ersetzen können, ohne dass es auffällt.

Und irgendwo zwischen zwei Haltestellen entsteht ein seltsamer Gedanke:

Vielleicht ist nicht die Lautstärke das Problem.
Nicht einmal die Wortwahl.

Sondern dass Sprache hier nichts mehr riskiert.

Keine Tiefe.
Keine Bedeutung.
Kein echtes Gegenüber.

Nur noch Geräusch.

Und das Tragische daran ist nicht, dass man es hören muss.
Sondern dass es immer mehr das ist, was übrig bleibt, wenn niemand mehr bereit ist, wirklich etwas zu sagen.