Manchmal wäre weniger Recht einfach mehr Familie
Es gibt diese Tage, an denen Familie eigentlich einfach Familie sein sollte. Ein Geburtstag zum Beispiel. Jemand wird ein Jahr älter, irgendwo steht ein Kuchen auf dem Tisch, Kaffee wird eingeschenkt, vielleicht sitzen Menschen zusammen, die sich sonst viel zu selten sehen, und eigentlich könnte das für ein paar Stunden vollkommen ausreichen. Oder Weihnachten. Dieses Fest, bei dem jedes Jahr wieder von Ruhe, Besinnlichkeit, Zusammenhalt und Frieden gesprochen wird, während wahrscheinlich in mindestens genauso vielen Wohnzimmern alte Geschichten wieder ausgepackt werden. Und dann gibt es noch Beerdigungen. Tage, an denen man eigentlich glauben könnte, dass alles andere für einen Moment unwichtig wird, weil da gerade jemand fehlt, der gestern noch Teil dieser Familie war. Eigentlich.
Denn manchmal braucht es erstaunlich wenig, damit so ein Tag kippt. Ein Satz reicht. Eine Bemerkung, die vielleicht sogar ganz beiläufig gemeint war. „Du meldest dich ja sonst auch nie.“ „Damals war das aber ganz anders.“ „Typisch, das hast du schon immer so gemacht.“ Vielleicht noch dieses kleine Lächeln dazu, bei dem jeder am Tisch genau weiß, dass der Satz eben doch nicht ganz so harmlos gemeint war, wie später behauptet wird. Und schon beginnt dieses merkwürdige Spiel. Einer antwortet. Der andere fühlt sich angegriffen. Ein Dritter mischt sich ein, obwohl er mit der ursprünglichen Sache eigentlich überhaupt nichts zu tun hatte. Jemand versucht zu schlichten und steht fünf Minuten später selbst mitten in der Diskussion. Irgendwann reden plötzlich vier Menschen über fünf verschiedene Dinge und keiner weiß mehr so genau, womit das Ganze eigentlich angefangen hat.
Vielleicht ging es ursprünglich nur darum, wer wen eingeladen hat. Wer sich zuletzt gemeldet hat. Wer angeblich zu spät gekommen ist. Wer Weihnachten vor drei Jahren irgendeinen falschen Satz gesagt hat. Vielleicht wird sogar noch irgendeine Geschichte aus einer Zeit hervorgeholt, in der Handys noch Tasten hatten und trotzdem weiß jeder plötzlich wieder ganz genau, wer damals was gesagt haben soll. Familien haben dafür offenbar ein erstaunlich gutes Langzeitgedächtnis. Besonders dann, wenn es um die Fehler der anderen geht.
Und genau darin liegt vielleicht eines der Probleme. Menschen, die uns nahestehen, kennen uns meistens ziemlich gut. Sie wissen, welche Entscheidungen wir bereuen. Sie kennen unsere Fehler. Sie wissen, wo wir empfindlich sind, welche Themen wir lieber nicht ansprechen und an welcher Stelle ein kleiner Satz genügt, um uns auf die Palme zu bringen. Das kann etwas Schönes sein. Es bedeutet schließlich auch, dass da Menschen sind, die einen über viele Jahre begleitet haben. Es kann aber genauso gut zur Munition werden. Und manchmal wird sie benutzt. Vielleicht nicht einmal bewusst. Vielleicht auch nur als kleine Spitze zwischen zwei Schlucken Kaffee. Trotzdem trifft sie.
Danach kommt dann häufig der Satz, der wahrscheinlich schon mehr Familienstreitigkeiten begleitet hat als jedes andere Argument: „Das war doch gar nicht so gemeint.“ Vielleicht stimmt das sogar. Nur ändert das nichts daran, wie es angekommen ist. Also wird erklärt, richtiggestellt und verteidigt. Einer möchte beweisen, dass seine Erinnerung stimmt. Der nächste erklärt, warum er eigentlich nur reagiert hat. Wieder jemand anderes erinnert daran, was der andere vor zwölf Jahren getan hat, und plötzlich sitzt eine ganze Familie um einen Tisch und führt einen Prozess gegeneinander. Jeder ist gleichzeitig Kläger, Verteidiger, Zeuge und Richter. Nur einen Gewinner gibt es am Ende selten.
Vielleicht hat einer tatsächlich recht. Vielleicht sogar vollkommen. Nur fährt anschließend trotzdem jemand wütend nach Hause. Jemand anderes sitzt schweigend am Tisch. Zwei Menschen reden die nächsten Wochen nicht miteinander und am Ende erinnert man sich an den Geburtstag nicht wegen des Geburtstags, an Weihnachten nicht wegen Weihnachten und manchmal sogar an eine Beerdigung nicht wegen des Menschen, von dem man sich verabschiedet hat, sondern wegen irgendeiner Diskussion, die irgendwann völlig aus dem Ruder gelaufen ist.
Gerade bei Beerdigungen finde ich diesen Gedanken besonders merkwürdig. Da steht man an einem Grab und eigentlich liegt vor einem der deutlichste Hinweis darauf, dass unsere Zeit miteinander begrenzt ist. Trotzdem dauert es manchmal nicht lange, bis darüber gesprochen wird, wer sich in den letzten Jahren mehr gekümmert hat, wer häufiger angerufen hat, wer zu selten da war, wer plötzlich besonders betroffen wirkt oder wer angeblich irgendetwas hätte anders machen müssen. Selbst in einem Moment, der uns eigentlich zeigen müsste, wie unwichtig manche alten Rechnungen irgendwann werden, schaffen wir es noch, neue aufzumachen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, den ich selbst manchmal nicht verstehe. Natürlich darf man streiten. Familie bedeutet nicht, dass man alles hinnehmen muss. Niemand muss sich beleidigen lassen, nur weil der Mensch gegenüber denselben Nachnamen trägt oder irgendwann einmal mit am Weihnachtstisch gesessen hat. Man darf Grenzen setzen. Man darf widersprechen. Man darf sagen, wenn etwas verletzt. Familie ist schließlich kein Freifahrtschein dafür, sich gegenseitig alles an den Kopf werfen zu dürfen.
Aber zwischen einer Grenze und einem Gegenschlag liegt manchmal nur ein Satz.
Vielleicht muss nicht auf jede Spitze eine neue Spitze folgen. Vielleicht muss nicht jede alte Geschichte noch einmal aus dem Schrank geholt werden. Vielleicht darf man sogar einmal feststellen: „Wir werden uns da wahrscheinlich nie einig.“ Das klingt zunächst ziemlich unbefriedigend. Schließlich möchten wir doch gerne recht haben. Besonders dann, wenn wir überzeugt davon sind, dass wir tatsächlich recht haben. Nur ist Recht haben manchmal erstaunlich teuer. Man bezahlt möglicherweise mit einem verdorbenen Abend, mit Funkstille, mit Verletzungen oder mit Zeit, die man später nicht zurückbekommt.
Und manchmal sitzt man anschließend im Auto auf dem Heimweg und geht das Gespräch noch einmal im Kopf durch. Man findet noch drei bessere Antworten, die einem am Tisch natürlich nicht eingefallen sind. Man bestätigt sich vielleicht selbst noch einmal, dass der andere angefangen hat. Dass man eigentlich nur reagiert hat. Dass man sich das schließlich nicht gefallen lassen musste. Vielleicht stimmt auch all das. Trotzdem bleibt irgendwann diese einfache Frage übrig: Was habe ich damit eigentlich gewonnen?
Vielleicht Recht.
Aber sonst?
Ich glaube nicht, dass man jede Diskussion vermeiden sollte. Vielleicht wäre das genauso falsch. Dinge, die wirklich wichtig sind, müssen angesprochen werden. Probleme lösen sich nicht dadurch, dass alle so tun, als wären sie nicht da. Aber vielleicht braucht nicht jeder Geburtstag eine Grundsatzdebatte. Vielleicht muss Weihnachten nicht der jährliche Familienausschuss für die Aufarbeitung der vergangenen zwanzig Jahre werden. Und vielleicht ist eine Beerdigung nicht der richtige Ort, um darüber zu entscheiden, wer im Leben des Verstorbenen der bessere Mensch gewesen sein möchte.
Manchmal darf ein Geburtstag einfach ein Geburtstag sein. Weihnachten darf vielleicht sogar einmal nur aus Essen, Gesprächen, viel zu vielen Plätzchen und diesem einen Familienmitglied bestehen, das grundsätzlich behauptet, es wolle dieses Jahr wirklich nichts geschenkt bekommen und sich anschließend trotzdem über sein Geschenk freut. Und bei einer Beerdigung darf es vielleicht einfach nur um den Menschen gehen, der fehlt.
Denn irgendwann gibt es diese gemeinsamen Tage tatsächlich nicht mehr. Irgendwann steht ein Stuhl leer. Irgendwann fehlt die Stimme, über die man sich früher vielleicht sogar regelmäßig aufgeregt hat. Irgendwann gibt es kein nächstes Weihnachten mehr, keinen nächsten Geburtstag und keine Gelegenheit mehr, eine alte Diskussion irgendwann doch noch anders enden zu lassen.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht immer alles klären. Vielleicht reicht es manchmal schon, rechtzeitig zu merken, wann aus einem Gespräch ein Wettkampf geworden ist. Denn bei manchen Familienstreitigkeiten gibt es am Ende keinen Sieger.
Nur mehrere Menschen, die recht haben wollten und anschließend alle irgendwie doof dastehen.