Manchmal begegnet einem eine Geschichte, die eigentlich gar nichts mit einem selbst zu tun hat.

Zumindest auf den ersten Blick.

Da ist ein kleines Mädchen. Ein paar Jahre alt. Ein gelber Stern im Haar, rote Turnschuhe, ein Rucksack und ein Kuscheltier.

Sie freut sich auf ihren Papa.

Am Samstag soll er kommen. Um zehn Uhr. Gemeinsam wollen sie in den Zoo. Löwen anschauen. Vielleicht noch ein Eis essen.

Für einen Erwachsenen ist das möglicherweise nur ein Termin im Kalender.

Für dieses Mädchen ist es die ganze Welt.

Sie malt Löwen. Packt ihren Rucksack. Zieht ihre Schuhe an. Setzt sich ans Fenster.

Und wartet.

Zehn Uhr.

Viertel nach zehn.

Halb zwölf.

Mittag.

Irgendwann versucht sie nicht mehr, aufgeregt zu sein. Sie versucht nur noch, eine Erklärung zu finden.

Vielleicht steht Papa im Stau.

Vielleicht hat er die Uhrzeit vergessen.

Vielleicht kommt er gleich.

Und irgendwann werden aus den Fragen über die Verspätung ganz andere Fragen.

Fragen, die ein Kind eigentlich niemals stellen müssen sollte.

Ob es etwas falsch gemacht hat.

Ob Papa überhaupt noch kommen möchte.

Ob es vielleicht gar keinen richtigen Papa mehr hat.

Ich habe mir diese Bilder angesehen.

Und plötzlich war da nicht mehr dieses kleine Mädchen.

Da war ich.

Jedes zweite Wochenende

Ich saß als Kind jedes zweite Wochenende bei meiner Oma.

Fertig angezogen.

Bereit.

Und ich habe gewartet.

Auf meinen Vater.

Das klingt zunächst ziemlich unspektakulär.

Ein Kind wartet darauf, abgeholt zu werden.

Kinder warten schließlich ständig auf irgendetwas. Auf Weihnachten. Auf Geburtstage. Auf den Bus. Auf jemanden, der versprochen hat, gleich wiederzukommen.

Nur gibt es einen Unterschied zwischen dem Warten auf den Bus und dem Warten auf einen Menschen, zu dem man gehören möchte.

Der Bus kommt vielleicht zu spät.

Bei einem Vater fragt man sich irgendwann, ob man selbst überhaupt noch wichtig genug ist, damit er kommt.

Und genau da beginnt etwas, das ich heute noch nicht vollständig erklären kann.

Ich weiß nämlich bis heute nicht, was damals wirklich passiert ist.

War es meine Oma, die den Kontakt verhindert hat?

War es meine Mutter?

Gab es zwischen den Erwachsenen irgendwelche Auseinandersetzungen, von denen ich als Kind überhaupt nichts mitbekommen habe?

Oder war es tatsächlich mein Vater, der sich nicht genügend bemüht hat?

Vielleicht gab es mehrere Ursachen.

Vielleicht erzählen alle Beteiligten dieselbe Geschichte vollkommen unterschiedlich.

Ich kann nicht nachweisen, dass mein Vater sich damals abgemeldet hat.

Ich kann aber genauso wenig nachweisen, dass er kommen wollte und von anderen daran gehindert wurde.

Und genau das macht die Sache so schwierig.

Ich habe Erinnerungen.

Ich habe Gefühle.

Ich habe Fragen.

Aber ich habe keine vollständige Akte darüber, was die Erwachsenen damals hinter meinem Rücken getan oder gelassen haben.

Und manchmal ärgert mich das noch heute.

Nicht einmal unbedingt deshalb, weil ich jemanden schuldig sprechen möchte.

Sondern weil ich gerne verstehen würde, warum ich dieses Kind sein musste, das immer wieder gewartet hat.

Erwachsene und ihre Eitelkeiten

Vielleicht ist das eines der größten Probleme, wenn Erwachsene miteinander nicht klarkommen.

Sie streiten.

Sie fühlen sich verletzt.

Sie wollen recht behalten.

Der eine hat angeblich angefangen. Der andere hat nur reagiert. Jemand hat etwas gesagt, was der Nächste vollkommen anders verstanden hat.

Und irgendwann geht es nicht mehr darum, was eigentlich passiert ist.

Sondern darum, wer am Ende als der bessere Mensch dasteht.

Wer schuld ist.

Wer sich mehr bemüht hat.

Wer wem etwas beweisen muss.

Vielleicht war das bei uns damals so. Vielleicht auch nicht.

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, wie scheiße sich ein Kind fühlen kann, wenn Erwachsene ihre eigenen Probleme nicht so weit zurückstellen können, dass das Kind davon möglichst wenig abbekommt.

Denn während Erwachsene darüber diskutieren, wer im Recht ist, sitzt irgendwo vielleicht ein Kind.

Und wartet.

Dieses Kind interessiert sich nicht für verletzten Stolz.

Nicht für die Frage, wer die Beziehung beendet hat.

Nicht dafür, wer wem zuletzt einen Vorwurf gemacht hat.

Es möchte seinen Papa sehen.

Oder seine Mama.

Je nachdem, wer gerade fehlt.

Eigentlich ist das ziemlich einfach.

Zumindest aus Sicht eines Kindes.

Wir Erwachsenen schaffen es nur manchmal, selbst die einfachsten Dinge unglaublich kompliziert zu machen.

Und anschließend wundern wir uns darüber, wenn Kinder irgendwann nicht mehr so funktionieren, wie wir es gerne hätten.

Irgendwann wollte ich nicht mehr

Das ist vielleicht der Teil, der mich an der Bildergeschichte am meisten getroffen hat.

Das Mädchen wartet irgendwann nicht mehr voller Freude.

Es möchte eine Woche später gar nicht erst wieder damit anfangen.

Weil es nicht noch einmal denselben Schmerz erleben will.

Ich kenne diesen Punkt.

Ich habe irgendwann auch nicht mehr warten wollen.

Nicht, weil mir mein Vater plötzlich vollkommen egal gewesen wäre.

Sondern weil das Warten irgendwann mehr wehgetan hat als die Vorstellung, dass er vielleicht gar nicht kommt.

Und das ist eine ziemlich beschissene Erkenntnis für ein Kind.

Wenn man beginnt, sich selbst vor der Hoffnung zu schützen.

Wenn man lieber gar nichts mehr erwartet, weil eine enttäuschte Erwartung schwerer zu ertragen ist als die Leere, mit der man sich inzwischen irgendwie arrangiert hat.

Vielleicht habe ich damals überhaupt nicht verstanden, was in mir passiert ist.

Ich war schließlich ein Kind.

Ich wusste nur, dass das Warten wehtat.

Und irgendwann schien es leichter, nichts mehr zu erwarten, als immer wieder enttäuscht zu werden.

Mich hat das über viele Jahre begleitet.

Wenn ich mich richtig erinnere, waren es ungefähr vierzehn Jahre.

Eine Zahl, die man schnell hinschreiben kann.

Vierzehn.

Aber wenn ich darüber nachdenke, wie viele Wochenenden, Erwartungen, Gedanken und Fragen in vierzehn Jahren Platz haben, klingt diese Zahl plötzlich gar nicht mehr so klein.

Vor allem, weil manche Fragen mit dem Erwachsenwerden nicht einfach verschwinden.

Man lernt nur, anders mit ihnen umzugehen.

Oder sie besser zu verstecken.

Und dann gibt es Sam

Heute bin ich selbst Vater.

Mein Sohn heißt Sam.

Und manchmal beobachte ich ihn und frage mich, wie viel von meinem eigenen Vatersein eigentlich mit dem Kind zu tun hat, das ich früher einmal war.

Vielleicht mehr, als mir bewusst ist.

Denn Sam kennt meine Geschichte nicht in ihrer ganzen Bedeutung.

Er muss sie auch nicht tragen.

Er soll nicht dafür verantwortlich sein, dass ich früher Dinge erlebt habe, die ich ihm ersparen möchte.

Und trotzdem merke ich, dass mich bestimmte Situationen anders treffen.

Wenn ein Kind sich auf etwas freut.

Wenn es einem Erwachsenen vertraut.

Wenn aus einer beiläufigen Bemerkung für dieses Kind ein festes Versprechen wird.

Wir Erwachsenen sagen schnell mal:

„Das machen wir nächste Woche.“

„Dann gehen wir da hin.“

„Das verspreche ich dir.“

Für uns sind das manchmal Sätze.

Für ein Kind können daraus ganze Tage voller Vorfreude werden.

Und genau deshalb möchte ich sehr bewusst damit umgehen, was ich Sam verspreche.

Ich werde nicht immer alles richtig machen.

Ich werde Termine vergessen können. Ich werde müde sein. Vielleicht auch mal schlecht gelaunt. Es wird Situationen geben, in denen etwas nicht so funktioniert, wie wir es geplant haben.

Ich bin schließlich auch nur ein Mensch.

Aber ich möchte niemals der Grund dafür sein, dass Sam irgendwann irgendwo sitzt und sich fragt, ob er mir überhaupt wichtig genug ist.

Ich möchte ihm niemals das antun, was ich selbst als Kind erlebt habe.

Dieses Warten.

Diese Ungewissheit.

Dieses langsame Aufgeben einer Hoffnung, die eigentlich etwas Schönes sein sollte.

Wenn ich etwas nicht einhalten kann, möchte ich es ihm erklären.

Wenn ich einen Fehler mache, möchte ich dazu stehen.

Und wenn zwischen Erwachsenen irgendwelche Probleme entstehen, dann sollen diese Probleme auch dort bleiben, wo sie hingehören.

Bei den Erwachsenen.

Nicht auf den Schultern meines Kindes.

Ein Versprechen, das noch offen ist

Und dann ist da noch mein eigener Vater.

Denn die Geschichte hört mit meiner Kindheit nicht einfach auf.

Er hat auch Sam etwas versprochen.

Ein Versprechen, das bis heute nicht eingelöst wurde.

Ich weiß nicht, wie mein Vater sein eigenes Verhalten sieht.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass seine eigenen Bedürfnisse für ihn noch immer sehr weit vorne stehen.

Seine eigenen Vorstellungen.

Seine eigene Sicht auf die Dinge.

Vielleicht tue ich ihm damit unrecht.

Das kann sein.

Aber das Versprechen gegenüber Sam ist bis heute nicht eingelöst.

Und genau das berührt etwas in mir, das viel älter ist als Sam selbst.

Vielleicht ist es genau das, was mich daran so beschäftigt.

Ich sehe nicht nur meinen Vater als Großvater.

Ich sehe manchmal auch wieder das Kind, das ich selbst einmal war.

Und dann muss ich aufpassen.

Denn Sam ist nicht ich.

Seine Beziehung zu seinem Großvater ist nicht automatisch dieselbe Geschichte wie meine Beziehung zu meinem Vater.

Und meine Enttäuschung darf nicht zu seiner werden, nur weil ich sie noch in mir trage.

Das wäre schließlich wieder so ein Moment, in dem Erwachsene ihre eigenen Geschichten auf ein Kind übertragen.

Genau das, was ich eigentlich vermeiden möchte.

Trotzdem wünsche ich mir, dass Erwachsene begreifen, wie viel Gewicht ihre Versprechen für Kinder haben können.

Auch dann, wenn sie selbst diese Versprechen längst vergessen haben.

Vielleicht geht es gar nicht mehr um die Schuld

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass ich irgendwann noch eine vollkommen eindeutige Antwort auf meine Kindheit bekommen werde.

Vielleicht werde ich nie erfahren, wer damals welche Entscheidung getroffen hat.

Und vielleicht muss ich diese Antwort auch nicht mehr finden, um zu verstehen, was das Warten mit mir gemacht hat.

Ich kann die Vergangenheit nicht noch einmal öffnen und mir alle Beteiligten an einen Tisch setzen.

Und selbst wenn ich es könnte, wäre damit nicht garantiert, dass ich anschließend die Wahrheit kenne.

Menschen erinnern sich unterschiedlich.

Menschen rechtfertigen sich.

Manchmal vergessen sie Dinge.

Und manchmal wollen sie bestimmte Dinge vielleicht auch gar nicht mehr wissen.

Vielleicht geht es deshalb für mich heute weniger darum, wer damals versagt hat.

Sondern darum, was ich selbst aus dieser Erfahrung mitnehme.

Denn heute geht es nicht mehr nur um die Verantwortung, die Erwachsene damals mir gegenüber hatten.

Heute trage ich selbst Verantwortung.

Für Sam.

Ich will ihm keine perfekte Kindheit versprechen.

Die gibt es wahrscheinlich ohnehin nicht.

Er darf enttäuscht sein.

Er darf traurig sein.

Er darf wütend auf mich sein.

Er darf erleben, dass auch sein Papa Fehler macht.

Aber er soll dabei eines möglichst nie infrage stellen müssen:

Dass ich sein Papa bin.

Dass er mir wichtig ist.

Und dass er nicht erst etwas leisten, richtig machen oder sich besonders lieb verhalten muss, damit ich ihn sehen möchte.

Ich kann nicht mehr ändern, was das Warten damals mit mir gemacht hat.

Ich kann auch nicht versprechen, dass ich als Vater niemals Fehler machen werde.

Aber ich kann darauf achten, wie ich mit ihnen umgehe.

Ich kann Sam erklären, wenn etwas nicht funktioniert.

Ich kann zu meinen Fehlern stehen.

Und ich kann ihm zeigen, dass seine Bedeutung für mich nicht davon abhängt, ob gerade alles nach Plan läuft.

Vielleicht ist das am Ende gar keine besonders große Erkenntnis.

Vielleicht ist es einfach nur Verantwortung.

Die Verantwortung, die Erwachsene damals mir gegenüber hatten.

Und die ich heute Sam gegenüber habe.

Denn am Ende sollte kein Kind lernen müssen, dass es weniger weh tut, von seinem eigenen Papa nichts mehr zu erwarten.