Die andere Seite der Wand
Entstanden ist dieser Text mit einer alten Arbeitskollegin. Sie hat beide Seiten kennengelernt.
Die eine: Sie selbst hat sich geritzt. Jahrelang. Die Narben an ihren Armen sind ein Alphabet, das sie mir irgendwann erklärt hat – nicht mit Worten, sondern mit der Stille zwischen den Sätzen.
Die andere: Jahre später stand sie daneben. Bei einem Vater, den sie in der Klinik kennengelernt hatte. Einem Mann, der nicht mehr wollte. Der es durchziehen wollte. Der im letzten Moment gehalten wurde – zum Glück. Und sie sah von außen, was sie früher von innen gekannt hatte. Und sie sah: Es gab nichts zu sehen.
Wir haben gemeinsam über dieses Paradox gesprochen. Über die Wände, die näher rücken. Und über die Menschen, die davorstehen und nicht durchkommen.
Das ist ihr Text genauso wie meiner.
Was man nicht sehen kann
Irgendwann erfährt man es. Oder man erfährt es nicht.
Vom Vater, der immer mehr trinkt. Der Schmerzmittel nimmt. Schlafmittel. Der abends auf dem Sofa sitzt und funktioniert – und in seinem Kopf ist die Hölle.
Von der Klassenkameradin, die im Sommer lange Ärmel trägt. Die plötzlich stiller ist. Die in der Pause nicht mehr mitlacht. Und deren Arme unter den Ärmeln Narben haben, von denen keiner etwas wusste.
Man steht daneben. Man sieht es nicht. Oder man sieht es – und versteht es nicht.
Und hinterher, wenn es passiert ist, wenn der Vater im Krankenhaus liegt oder die Klassenkameradin nicht mehr zur Schule kommt, dann fragt man sich: Warum habe ich nichts gesehen?
Die Antwort ist nicht, dass man nicht hinsehen wollte. Die Antwort ist: Man konnte nicht.
Meine Kollegin sagte einmal: "Früher dachte ich, alle müssen es sehen. Ich hab doch die Zeichen gegeben. Die langen Ärmel. Die Abwesenheit. Die Stille. Aber heute, wenn ich von außen auf jemanden schaue, der so ist wie ich damals – ich sehe nichts. Wirklich nichts. Und das hat mich erschüttert."
Sie saß im selben Raum. Sie hatte die gleichen Narben. Und sie konnte es nicht sehen.
Weil es nichts zu sehen gibt.
Der Vater aus der Klinik
In der Klinik, in der sie war, hat sie einen Mann kennengelernt. Einen Vater. Mitte fünfzig. Hatte alles, was man braucht. Familie, Haus, Arbeit. Und er wollte nicht mehr.
Sie erzählte mir von ihm: "Er hat es geplant. Wirklich geplant. Alles durchdacht. Die Tabletten, den Alkohol, den Zeitpunkt. Er wollte nicht aufwachen. Und wenn ich heute an ihn denke, frage ich mich: Wie hätten seine Kinder das sehen sollen? Was hätten sie sehen können?"
Nichts.
Er hat funktioniert. Er ist zur Arbeit gegangen. Er hat abends auf dem Sofa gesessen. Er hat Witze gemacht.
Die Flaschen waren im Schrank. Die Tabletten in der Schublade. Nicht auf dem Tisch. Nicht offen sichtbar. Aber selbst wenn sie offen dagestanden hätten – wer hätte verstanden, was sie bedeuten?
Ein Glas Wein am Abend. Das machen viele. Eine Schlaftablette, weil man nicht einschlafen kann. Das machen viele. Schmerzmittel, weil der Rücken zwickt. Das machen viele.
Man sieht es nicht, weil es nichts zu sehen gibt. Keinen gebrochenen Arm. Keine Abschiedsbriefe. Keine große Geste.
Nur einen Mann, der abends sein Bier trinkt und eine Tablette nimmt. Und in seinem Kopf ist die Hölle.
Die Klassenkameradin
Und dann die Klassenkameradin.
Meine Kollegin kannte das von innen. Sie wusste, warum man im Sommer Pullover trägt. Warum man still wird. Warum man sich zurückzieht.
"Und trotzdem", sagte sie, "wenn heute ein Mädchen neben mir sitzen würde, die dasselbe durchmacht wie ich damals – ich würde es nicht erkennen. Ich würde denken: Ist ihr kalt? Ist sie schüchtern? Hat sie eine schwere Phase? Ich würde nicht auf die Idee kommen, dass sie sich ritzt. Obwohl ich es selbst getan habe."
Das ist das Verrückte. Selbst wer es kennt, sieht es nicht. Weil die Zeichen keine Zeichen sind. Weil sie im Alltag untergehen. Weil man nicht gelernt hat, sie zu lesen.
Die langen Ärmel im Sommer – das ist für die meisten kein Hilferuf, sondern eine Modeentscheidung. Die Stille in der Pause – das ist für die meisten keine Depression, sondern einfach ein stiller Mensch. Die Narben an den Armen – wenn man sie überhaupt sieht, denkt man an einen Unfall. Oder eine Katze. Oder man denkt gar nicht.
Man sieht es nicht, weil man nicht gelernt hat, hinzuschauen. Weil man nicht weiß, worauf man achten soll. Weil einem die Zeichen nicht wie Zeichen vorkommen.
Die Sprache, die einem fehlt
Man hat nicht die Worte.
Wie fragt man den Vater?
"Papa, nimmst du die Tabletten, weil dir wirklich etwas wehtut – oder weil du nicht mehr aufwachen willst?"
Man kann so nicht fragen. Es klingt verrückt. Es klingt übergriffig. Es klingt, als würde man sich etwas einbilden. Also fragt man nicht.
Wie fragt man die Klassenkameradin?
"Hey, warum trägst du eigentlich immer lange Ärmel? Hast du dir wehgetan?"
Man kann so nicht fragen. Es klingt neugierig. Es klingt vorwurfsvoll. Es klingt, als würde man sie bloßstellen. Also fragt man nicht.
Die Gesellschaft gibt einem kein Handbuch dafür. Man lernt in der Schule, wie man eine Gedichtsanalyse schreibt. Aber wie man fragt, ob der eigene Vater sterben will? Wie man fragt, ob die Mitschülerin sich ritzt? Das lernt man nicht.
Und weil einem die Worte fehlen, schweigt man. Und das Schweigen wird später vielleicht als Wegsehen gedeutet. Aber es war kein Wegsehen. Es war Sprachlosigkeit.
Die eigene Überforderung
Und dann ist da noch etwas, das man nicht laut sagt: Man hat Angst.
Angst vor der Antwort. Angst davor, was kommt, wenn der Vater sagt: "Ja, ich will nicht mehr." Angst davor, was kommt, wenn die Klassenkameradin die Ärmel hochschiebt und man sieht, was darunter ist.
Angst davor, nicht zu wissen, was man dann tun soll. Angst davor, dass man es nicht aushält. Angst davor, dass man selbst zu schwach ist, um stark zu sein.
Man fragt nicht, weil man sich selbst schützen will. Nicht weil einem der andere egal ist. Sondern weil man nicht weiß, ob man mit der Antwort klarkommt.
Das ist egoistisch. Man weiß. Aber es ist auch menschlich.
Die Gesellschaft tut sich schwer damit, das zuzugeben. Es klingt nach Versagen. Aber vielleicht ist es einfach ehrlich.
Meine Kollegin hat das auch gesagt: "Ich hätte damals nicht gewusst, wie ich mit mir selbst umgehen soll. Wie hätte ich das von anderen erwarten können?"
Was man erst später lernt
Man lernt es erst, wenn es zu spät ist. Oder wenn man Glück hat, bevor es zu spät ist.
Man lernt, dass ein Bier am Abend nicht nur ein Bier ist. Dass Schmerzmittel manchmal nicht gegen Schmerzen helfen sollen. Dass Schlafmittel eine Art sein können, den nächsten Morgen nicht erleben zu müssen.
Man lernt, dass lange Ärmel im Sommer kein Mode-Statement sind. Dass Stille manchmal kein Rückzug, sondern ein Hilferuf ist. Dass Narben keine Unfälle sind.
Man lernt, dass man nicht sehen kann, was unsichtbar ist. Dass man nicht fragen kann, wofür einem die Worte fehlen. Dass man nicht aushalten kann, wofür man nicht gelernt hat, es auszuhalten.
Aber man lernt auch, dass man es lernen kann.
Man kann lernen, hinzuschauen. Man kann lernen, nachzufragen, auch wenn es wehtut. Man kann lernen, das Schweigen auszuhalten, ohne selbst zu zerbrechen.
Man kann lernen, dass die Frage "Wie geht es dir wirklich?" nicht übergriffig ist, sondern manchmal die einzige Tür, die noch aufgeht. Dass man nicht die Lösung haben muss, um da zu sein.
Man kann lernen, die langen Ärmel zu sehen. Die Flaschen im Schrank. Die Pillen in der Schublade. Und nicht wegzudrehen.
Aber das weiß man erst, wenn man es nicht gekonnt hat.
Was bleibt
Man steht daneben. Man sieht es nicht. Oder man sieht es und versteht es nicht.
Das macht einen nicht zu einem schlechten Menschen. Es macht einen zu einem Menschen, der nicht gelernt hat, hinzuschauen.
Aber man kann es lernen.
Meine Kollegin hat es gelernt. Nicht weil sie eine Expertin ist. Sondern weil sie beide Seiten kennt. Die Seite derer, die sich ritzen. Und die Seite derer, die daneben stehen und nichts sehen.
Sie sagt: "Ich habe früher gedacht, die anderen sind blind. Heute weiß ich: Sie konnten nicht anders. Und wenn ich heute jemanden sehe, der so ist wie ich damals – ich versuche, hinzuschauen. Auch wenn ich nichts sehe. Ich frage. Auch wenn die Worte nicht perfekt sind. Ich bleibe dran."
Das ist nicht alles. Aber es ist etwas.
An die, die daneben stehen
Wenn du nicht weißt, wie du fragen sollst: Frag trotzdem. Auch mit den falschen Worten. Auch unbeholfen.
"Du trinkst gerade viel. Geht es dir nicht gut?"
"Du nimmst so viele Tabletten. Machst du dir etwas? Oder mir?"
"Du trägst immer lange Ärmel. Kann ich dich etwas fragen? Du musst nicht antworten."
Es klingt unbeholfen. Es ist unbeholfen. Aber es ist besser als Schweigen.
Wenn du Angst hast: Sag, dass du Angst hast. Du musst nicht stark sein. Du musst nur da sein.
Wenn du überfordert bist: Zeig auf die Stellen, die weiterwissen. Die Telefonnummern. Die Beratungsstellen. Du musst nicht die Lösung haben.
Du musst nicht sehen können, was unsichtbar ist. Aber du kannst sagen: "Ich sehe es nicht. Aber ich glaube dir, dass es da ist."
Das ist nicht alles. Aber es ist etwas.
Hilfsangebote
Für dich, wenn du selbst nicht mehr weiterweißt. Und für die, neben denen du stehst.
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, 24/7)
Krisenchat: https://krisenchat.de (für junge Menschen, per WhatsApp oder Web)
Nummer gegen Kummer (für Erwachsene): 116 111
In akuten Notfällen: 112 oder das nächste Krankenhaus aufsuchen
Einen lieben Dank an Kiki, ehem. Arbeitskollegin, Ihrer Geschichte und die Hilfe bei der Recherche für diese Beiträge.
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