Es gibt Fragen, die fast niemand laut stellt. Und wenn sie gestellt werden, dann meistens mit einer Antwort, die schon feststeht, bevor die Fragen zu Ende sind.

- Warum tut ein Mensch sich das an?

- Warum schmeißt er sich vor den Zug?

- Warum springt er in den Fluss?

- Warum ritzt er sich?

- Warum schlägt er gegen Wände, bis die Knochen brechen?

Die Antwort, die man meistens hört, ist kurz und hart: Feigheit. Egoismus. Schwäche.

Und das ist keine Antwort. Das ist eine Ausrede.

Eine Ausrede, um nicht hinsehen zu müssen. Eine Ausrede, um nicht fragen zu müssen. Eine Ausrede, um sich selbst zu entlasten: Ich bin nicht schuld. Der ist einfach schwach.

Dabei steckt da mehr dahinter. Viel mehr. Und wer nicht bereit ist, das anzusehen, der sollte zumindest den Anstand haben, den Mund zu halten.

Ich kenne keine dieser Erfahrungen aus eigenem Leib. Aber ich kenne Menschen, die sie gemacht haben. Und ich habe gelesen, zugehört, versucht zu verstehen. Was ich daraus mitgenommen habe, ist nicht einfach. Aber es ist ehrlich.

1. Nicht der Tod selbst ist das Ziel – sondern das Ende eines als unaushaltbar erlebten Zustands.

Das ist das erste Missverständnis. Wenn jemand sich vor einen Zug wirft, geht es nicht darum, tot zu sein. Es geht darum, nicht mehr so leben zu müssen. Der Tod ist nicht das Ziel. Er ist die einzige Tür, die noch aufgeht, wenn alle anderen zugemauert sind.

Stell dir vor, du sitzt in einem Raum. Die Wände rücken näher, jeden Tag ein bisschen. Die Luft wird dünner. Du schreist, aber niemand hört. Du klopfst, aber niemand öffnet. Irgendwann ist der Raum so eng, dass du nicht mehr atmen kannst. Und dann siehst du eine Tür. Sie führt ins Nichts. Aber das Nichts ist besser als der Raum.

Das ist keine Feigheit. Das ist Verzweiflung, die keinen anderen Ausweg mehr sieht.

Aber die Gesellschaft? Von außen ist dieser Raum unsichtbar. Man sieht nur die Entscheidung – nicht den Weg dorthin. Und das wird dann schnell als Schwäche bezeichnet.

2. Selbstverletzung – Ritzen, Schlagen, Verbrennen – ist etwas anderes. Es geht nicht um Sterben. Es geht darum, sich selbst zu spüren.

Wenn innen alles taub ist, wenn Gefühle sich anfühlen wie Watte oder wie Glas, das man nicht anfassen kann, dann wird der eigene Körper manchmal zum letzten Ort, an dem man noch etwas fühlen kann. Der Schnitt. Der Schmerz. Das Blut. Es ist real. Es ist da. Es beweist: Ich bin noch hier. Ich existiere noch.

Das ist keine Schwäche. Das ist ein Überlebensmechanismus. Einer, der wehtut. Einer, der Narben hinterlässt. Aber für den Moment hält er am Leben.

Und die Gesellschaft? Oft werden die Narben gesehen, aber nicht verstanden. Und was man nicht versteht, wird schnell bewertet.

3. Warum springt ein Mensch in den Fluss? Warum schmeißt er sich vor den Zug?

Weil er irgendwann nicht mehr glaubt, dass es besser wird. Weil er nicht mehr glaubt, dass es jemals besser wird. Weil die Stimme in seinem Kopf, die sagt „es wird nie besser“, lauter ist als alle anderen Stimmen zusammen.

Und weil er denkt: „Die anderen kommen klar ohne mich. Vielleicht sogar besser.“

Das ist keine Egoismus. Das ist eine Krankheit, die das Denken so verdreht, dass Sterben wie die einzige sinnvolle Handlung erscheint.

Und die Gesellschaft? Die Gesellschaft redet von Eigenverantwortung und wundert sich, warum immer mehr Menschen nicht mehr können.

Ich will das nicht schönreden. Ich will es nicht heroisieren. Ich will nur sagen: Hört auf mit der Moralkeule.
Und ja – ich kenne sie auch. Auch ich denke oft genug: „Warum? Wozu? Ist doch Schwachsinn.“

Hört auf zu sagen, es sei feige. Hört auf zu sagen, es sei egoistisch. Hört auf, Menschen, die am Boden liegen, noch einen Tritt zu geben, indem ihr sie verurteilt.

Wenn ihr nicht helfen könnt, dann helft nicht. Aber haltet wenigstens den Mund.

4. Und jetzt zu denen, die in diesem Raum sitzen. Zu denen, die sich selbst verletzen. Zu denen, die nicht mehr können. Zu denen, die denken, es gibt keinen Weg mehr.

Ich weiß, dass du diesen Text wahrscheinlich nicht liest. Oder wenn, dann ohne zu spüren, was er sagt. Weil nichts mehr ankommt, wenn der Raum zu eng wird. Ich weiß das.

Aber ich schreibe ihn trotzdem. Nicht weil ich glaube, dass ein Text etwas ändert. Sondern weil es nicht sein darf, dass du allein bist mit dem Gedanken, dass es keinen Weg gibt.

Es gibt Wege. Auch wenn du sie gerade nicht sehen kannst, aber es gibt sie. Und es gibt Menschen, die diese Wege kennen. Die in den Raum kommen und sich setzen. Die nicht weglaufen, wenn es schwer wird. Die nicht reden, wenn Worte nicht mehr helfen.

Bitte such sie dir. Bitte ruf an. Bitte schreib. Du musst nicht erklären, warum. Du musst nicht funktionieren. Du musst nur den ersten Schritt machen.

Einen Anruf. Eine Nachricht. Mehr nicht.


Wenn du in einer Krise bist, wenn du Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid hast – ruf an.

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, 24/7)

Krisenchat: https://krisenchat.de (für junge Menschen, per WhatsApp oder Web)

Nummer gegen Kummer (für Erwachsene): 116 111

In akuten Notfällen: 112 oder das nächste Krankenhaus aufsuchen

Du musst keinen Namen nennen. Du musst nicht erklären, warum. Du musst nicht funktionieren. Du darfst einfach anrufen.

Einen lieben Dank an Kiki, ehem. Arbeitskollegin, Ihrer Geschichte und die Hilfe bei der Recherche für diese Beiträge.
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