Ich frage selbst ständig warum. Warum funktioniert etwas so? Warum macht dieses System genau dort einen Fehler? Warum verhalten Menschen sich auf eine bestimmte Weise? Warum akzeptieren wir Regeln, nur weil sie irgendwann einmal jemand aufgeschrieben hat? Warum soll etwas richtig sein, nur weil man es schon immer so gemacht hat? „Ist halt so“ gehört wahrscheinlich zu den Antworten, mit denen man mich am zuverlässigsten unzufrieden machen kann.

Und dann gibt es Sam. Sam hat offensichtlich beschlossen, dass ein einzelnes „Warum?“ meistens nur der Anfang eines längeren Verhörs ist. „Warum parkt der Mann da?“ Vielleicht, weil er dort wohnt. „Warum?“ Weil seine Wohnung dort ist. „Warum?“ Vielleicht hat ihm die Wohnung gefallen. „Warum?“ Weil sie für ihn gepasst hat. „Warum?“ Und irgendwann sitze ich da und höre mich selbst sagen: „Weil es halt so ist.“ Ausgerechnet ich. Der Mensch, der diesen Satz selbst nicht akzeptieren kann.

Noch häufiger ist allerdings eine andere Antwort: „Weiß ich nicht.“ Wer hat das Fahrrad dort hingestellt? Weiß ich nicht. Wem gehört das Auto? Weiß ich nicht. Wo fährt der Bus danach hin? Weiß ich nicht. Warum hat der Mann das gemacht? Weiß ich nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich sage meinem Sohn den ganzen Tag nur, dass ich keine Ahnung habe. Und irgendwann kommt automatisch der Gedanke: Der muss doch langsam glauben, Papa weiß gar nichts.

Eltern haben im Kopf schließlich eine merkwürdige Rolle. Als Kind wirken Erwachsene wie Menschen, die die Welt verstanden haben. Sie wissen, wann der Bus kommt, wo das Essen steht, warum man eine Jacke braucht, wie man einen Fernseher einschaltet und weshalb man nicht mitten auf die Straße laufen sollte. Zumindest dachte ich das früher. Heute bin ich der Erwachsene. Und offenbar besteht Erwachsensein zu einem erstaunlich großen Teil daraus, überzeugend auszusehen, während man ebenfalls versucht herauszufinden, was eigentlich gerade passiert.

Die Wahrheit ist nämlich: Bei vielen Fragen von Sam kann ich gar keine vernünftige Antwort geben. Wenn irgendwo ein Fahrrad an einem Zaun steht und er fragt, wer es dort hingestellt hat, dann weiß ich es tatsächlich nicht. Ich war nicht dabei. Es gibt keine Logdatei, keine Kamera und keine Datenbank, in der ich kurz nachsehen kann. Natürlich könnte ich etwas erfinden. „Das gehört bestimmt dem Mann aus dem Haus.“ Vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht aber auch nicht. Dann hätte Sam zwar eine Antwort, aber keine Wahrheit.

Vielleicht ist „Ich weiß es nicht“ deshalb gar keine schlechte Antwort. Vielleicht ist es sogar eine wichtige. Denn Wissen und Vermuten sind nicht dasselbe. Das klingt selbstverständlich, ist es aber gar nicht immer. Auch Erwachsene reden erstaunlich oft mit großer Sicherheit über Dinge, die sie eigentlich nur vermuten. Wir erklären die Absichten anderer Menschen, obwohl wir sie nie gefragt haben. Wir wissen angeblich, warum jemand etwas gemacht hat. Wir kennen angeblich die richtige Lösung, obwohl wir nur unsere eigene Erfahrung haben.

Vielleicht sollte ein Kind deshalb nicht nur lernen, Antworten zu bekommen. Vielleicht sollte es auch lernen, dass es Fragen gibt, auf die gerade niemand eine sichere Antwort hat. „Ich weiß es nicht“ bedeutet dann nicht: Die Frage ist schlecht. Es bedeutet nur: Mehr Wissen haben wir gerade nicht.

Trotzdem merke ich bei mir einen Unterschied. Manchmal sage ich „weiß ich nicht“, weil ich es tatsächlich nicht weiß. Und manchmal sage ich es, weil ich nach der fünfzehnten Warum-Frage einfach keine Energie mehr habe, noch eine Erklärungsschicht auszugraben. Auch das gehört zur Wahrheit. Kinder besitzen eine beeindruckende Fähigkeit, eine einfache Situation so lange zu hinterfragen, bis Erwachsene irgendwann an den Grundfesten der Existenz angekommen sind.

Warum müssen wir jetzt nach Hause? Weil es spät wird. Warum? Weil wir morgen wieder früh aufstehen. Warum? Weil wir Termine haben. Warum? Weil unser Alltag so organisiert ist. Warum? Warum existiert Zeit? Gut, so weit sind wir noch nicht. Aber ich sehe die Richtung.

Vielleicht besteht mein Fehler manchmal darin, dass ich Sams „Warum?“ wie eine technische Frage behandle. Eine Frage kommt rein, eine korrekte Antwort muss raus, Aufgabe erledigt. Aber vielleicht funktioniert kindliche Neugier gar nicht so. Vielleicht will er manchmal nicht die endgültige Erklärung. Vielleicht möchte er einfach weiterdenken. Vielleicht bedeutet sein nächstes „Warum?“ nicht unbedingt: Deine Antwort war schlecht. Vielleicht bedeutet es nur: Und was kommt danach?

Das verändert die Sache ein wenig. Denn dann muss ich nicht jede Antwort besitzen. Ich kann die Frage auch zurückgeben. „Wer hat das Fahrrad da hingestellt?“ „Weiß ich nicht. Was glaubst du?“ Plötzlich muss Papa nicht mehr die Weltdatenbank spielen. Dann können wir gemeinsam überlegen. Vielleicht gehört es jemandem aus dem Haus. Vielleicht ist jemand zu Besuch. Vielleicht fährt jemand später weiter. Wir wissen es nicht. Aber wir können Vermutungen bilden und gleichzeitig wissen, dass es Vermutungen bleiben.

Das gefällt mir eigentlich. Denn genau das mache ich selbst ständig. Ich sehe etwas, das nicht zusammenpasst, und frage warum. Dann schaue ich genauer hin, sammle Informationen und bilde eine Vermutung. Manchmal finde ich eine Antwort. Manchmal nicht. Vielleicht muss ich Sam also gar nicht beibringen, dass Papa alles weiß. Vielleicht wäre es viel wertvoller, ihm zu zeigen, was man macht, wenn man etwas nicht weiß: fragen, schauen, überlegen, nachfragen und notfalls akzeptieren, dass eine Frage offenbleibt.

Das ist etwas anderes als „Ist halt so“. Dieser Satz beendet die Frage. „Ich weiß es nicht“ kann sie offenlassen. Vielleicht liegt genau dort der Unterschied, den ich selbst lange übersehen habe.

Wenn jemand zu mir sagt: „Kinder gehören um 19 Uhr ins Bett. Ist halt so“, dann stört mich nicht nur die Antwort. Mich stört, dass die Frage gar nicht mehr erlaubt ist. Warum 19 Uhr? Für welches Kind? Wie lange schläft es? Wie funktioniert der Alltag? Das „Ist halt so“ steht am Anfang und verhindert jedes weitere Nachdenken.

Bei Sams Fragen kann „Ich weiß es nicht“ dagegen am Ende stehen. Wir haben geschaut, wir haben überlegt, mehr Informationen gibt es gerade nicht. Das ist keine Denkverweigerung. Das ist Ehrlichkeit.

Vielleicht sollte ich trotzdem versuchen, das häufiger auch so zu sagen. Nicht einfach: „Weiß ich nicht.“ Sondern: „Das weiß ich wirklich nicht. Wollen wir überlegen?“ Oder: „Das müssten wir denjenigen fragen.“ Oder: „Ich kann nur raten.“

Vielleicht denkt Sam dann irgendwann nicht: Papa weiß nichts.

Vielleicht denkt er stattdessen: Papa tut wenigstens nicht so, als wüsste er alles.

Und wenn ich ehrlich bin, wäre das gar keine schlechte Sache, die ein Kind über seinen Vater lernen könnte.