Die Sache mit der Dunkelheit
Es gibt Menschen, bei denen merkt man erst einmal gar nichts.
Sie stehen morgens auf. Sie gehen arbeiten. Sie kaufen ein. Sie antworten auf Nachrichten. Sie lachen, wenn etwas lustig ist.
Von außen läuft alles.
Und trotzdem gibt es Tage, an denen irgendetwas anders ist.
Nicht unbedingt sichtbar. Nicht dramatisch. Kein Zusammenbruch, keine große Szene.
Eher wie eine Wetterlage, die sich über einen Menschen legt.
Es ist einfach dunkler als sonst.
Wir sehen meistens nur, was funktioniert
Vielleicht ist genau das eines der Probleme.
Wir haben ziemlich klare Bilder davon, wie es einem Menschen aussehen müsste, dem es schlecht geht.
Wer lacht, dem geht es gut.
Wer arbeiten geht, funktioniert.
Wer sich mit anderen unterhält, kann schließlich nicht völlig am Boden sein.
So einfach ist das offenbar nicht.
Ein Mensch kann lachen und trotzdem einen beschissenen Tag haben.
Er kann seine Arbeit erledigen und sich dabei fühlen, als würde jeder einzelne Schritt doppelt so viel Kraft kosten.
Er kann ruhig wirken, obwohl Ruhe gerade weniger Gelassenheit als Überlebensstrategie ist.
Man sieht Menschen eben nur von außen.
Und manchmal ist außen erstaunlich wenig los.
Wenn aus einem Zustand plötzlich Besitz wird
Interessant finde ich dabei auch die Sprache.
„Meine Depression.“
„Meine Angst.“
„Meine Krankheit.“
Natürlich braucht man Begriffe. Irgendwie muss man schließlich darüber reden können.
Aber manchmal klingt dieses „meine“ fast so, als würde etwas plötzlich zur Person gehören.
Als wäre es ein Bestandteil der eigenen Identität.
Vielleicht ist das gar nicht immer hilfreich.
Man könnte es auch anders betrachten.
Wie einen Nachbarn, der gelegentlich viel zu laut Musik hört.
Er ist da.
Er nervt.
Manchmal raubt er einem den Schlaf.
Aber deshalb muss man nicht bei ihm einziehen.
Dann sind da diese kleinen Dinge
Kaffee am Morgen.
Die gleiche Strecke zur Arbeit.
Ein Hund, der raus will und keinerlei Interesse daran hat, ob man heute besonders philosophisch gestimmt ist.
Eine Bahn, die ausnahmsweise tatsächlich pünktlich kommt.
Oder eine Nachricht, in der niemand wissen möchte, warum man still ist.
Sondern einfach:
„Denk an dich.“
Das löst nichts.
Vielleicht muss es das auch gar nicht.
Wir haben ohnehin diese merkwürdige Angewohnheit entwickelt, für alles sofort eine Lösung haben zu wollen.
Jemand erzählt von einem Problem und noch bevor er den Satz beendet hat, beginnt irgendwo im Kopf schon die Reparaturabteilung.
Dabei braucht nicht jeder Mensch ständig einen Mechaniker.
Manchmal braucht er einfach jemanden, der bleibt.
Nicht alles muss sofort repariert werden
Vielleicht ist das überhaupt der Punkt.
Nicht jedes dunkle Gefühl muss sofort bekämpft werden.
Nicht jeder schlechte Tag braucht eine Analyse.
Und nicht jeder stille Mensch braucht zehn Fragen danach, was denn nun los sei.
Manchmal ist etwas einfach da.
Heute mehr.
Morgen vielleicht weniger.
Und irgendwann wieder gar nicht.
Das bedeutet nicht, dass man Dinge ignorieren sollte.
Es bedeutet nur, dass zwischen „ignorieren“ und „alles sofort lösen müssen“ ziemlich viel Platz liegt.
Stärke sieht ziemlich unspektakulär aus
Auch das Wort „stark“ ist so eine Sache.
Wir sagen es gerne zu Menschen, die viel aushalten.
„Du bist aber stark.“
Klingt nett.
Ist meistens auch nett gemeint.
Nur sieht Stärke vermutlich ziemlich unspektakulär aus.
Aufstehen.
Duschen.
Zähne putzen.
Einkaufen.
Dem Kind Frühstück machen.
Eine Nachricht beantworten.
Vielleicht sogar lachen.
Nicht weil plötzlich alles gut ist.
Sondern weil der Tag trotzdem weitergeht.
Kein Heldensoundtrack.
Keine Zeitlupe.
Einfach Dienstag.
Funktionieren und gut gehen sind zwei verschiedene Dinge
Und vielleicht sollten wir deshalb etwas vorsichtiger damit sein, Menschen danach zu beurteilen, wie gut sie funktionieren.
Funktionieren und gut gehen sind nämlich zwei völlig verschiedene Dinge.
Manche Menschen tragen ihre schlechten Tage ziemlich sichtbar mit sich herum.
Andere packen sie morgens zusammen mit Schlüssel, Portemonnaie und Handy in die Tasche und gehen los.
Beides gibt es.
Vielleicht reicht es, nicht wegzugehen
Ich weiß nicht, ob man jede Dunkelheit benennen muss.
Vielleicht manchmal.
Vielleicht auch nicht.
Aber ich glaube, man sollte lernen, sie bei anderen nicht automatisch für unmöglich zu halten, nur weil sie gerade lachen.
Und man muss auch nicht immer den perfekten Satz finden.
Vielleicht reicht es gelegentlich wirklich, nicht wegzugehen, sobald jemand stiller wird.
Kein großes Versprechen.
Keine Lebensweisheit.
Keine Reparaturanleitung.
Einfach da sein.
Manchmal ist das erstaunlich viel.