Heute habe ich etwas ausgesprochen Gefährliches getan.

Ich bin mit ungefähr 20 Prozent Akku aus dem Haus gegangen.

Ohne Powerbank.

Ohne Ladekabel.

Ohne Netzteil.

Einfach so.

Früher hätte man vermutlich gesagt: „Na und?“

Heute ist das offenbar fast schon grob fahrlässig.

Mein Sohn und ich sind heute zu einer Bekannten auf einen Spielplatz gefahren. Ein schöner Spielplatz, an dem wir vorher noch nie waren. Also macht man das, was man heute eben macht: Smartphone raus, Navigation an, GPS an, Display möglichst dauerhaft eingeschaltet und los.

Das funktioniert wunderbar.

Es kostet nur Akku.

Als wir dort ankamen, waren noch ungefähr zehn bis vierzehn Prozent übrig.

Und natürlich läuft auf so einem Smartphone längst nicht mehr nur eine einzige Anwendung.

Da gibt es WhatsApp und andere Kommunikationsdienste. Social Media. Banking. Ticket-Apps. Einkaufs-Apps. Bonusprogramme. Kundenkarten. Authenticatoren. E-Mail. Navigation. irgendwelche Hintergrunddienste und natürlich die inzwischen beinahe obligatorische Zwei-Faktor-Authentifizierung, mit der man sein Smartphone auch noch benötigt, um sich auf einem anderen Gerät irgendwo anmelden zu dürfen.

Für beinahe jeden Lebensbereich gibt es inzwischen eine App.

Für den Einkauf zig Apps.

Für den Bus eine App.

Für die Bank eine App.

Für die Kundenkarten zig Apps.

Für Rabatte zig Apps.

Für Termine eine App.

Für irgendeinen Bonuspunkt, den ich irgendwann vielleicht gegen einen 50-Cent-Gutschein eintauschen darf, selbstverständlich ebenfalls eine App.

Und während all diese Apps angeblich unser Leben einfacher machen sollen, wird dieses kleine Stück Glas und Elektronik in der Hosentasche immer mehr zu einem Gegenstand, ohne den das normale Leben plötzlich erstaunlich kompliziert wird.

Aber zunächst war alles gut.

Auf dem Spielplatz brauchte ich das Handy kaum. Zwischendurch einmal auf die Uhr schauen. Vielleicht ein paar kurze Nachrichten mit Menschen schreiben, mit denen noch etwas geplant werden musste. Danach wieder weg damit.

Wir hatten eine schöne Zeit.

Sam konnte spielen, wir waren draußen und jemand anderes hatte ebenfalls für eine Weile eine schöne, unbeschwerte Zeit.

Eigentlich genau das, was so ein Nachmittag sein sollte.

Irgendwann hieß es dann Aufbruch.

Unsere Bekannte musste wieder nach Hause und schließlich müssen kleine Zwerge bekanntlich spätestens um 19 Uhr ordentlich verpackt im Bett liegen.

Ironische Grüße an dieser Stelle an das Jugendamt Lünen und MuKi Lünen, so wie anderen pädagogisch wertvollen Menschen.

Ich hatte allerdings noch keine Lust, den Tag sofort zu beenden, und habe entschieden, mit Sam noch nach Christoph zu schauen, der am Lüner Krankenhaus stationiert ist, er sieht ihn ja fast täglich über uns fliegen, da lernt er dann auch noch etwas.

Noch schnell ein Foto gemacht.

An seine Mama geschickt.

In den WhatsApp-Status gepackt.

Der Bekannten geschickt.

Und weiter.

Wir gingen Richtung Bushaltestelle.

Dort wollte ich eigentlich nur kurz nachsehen, wann der Bus kommt.

Also Smartphone aus der Tasche.

Knopf gedrückt.

Nichts.

Nochmal gedrückt.

Nichts.

Fazit: Akku leer.Da kann ich drücken wie ich will.

Gut. Dann wissen wir eben nicht genau, wie spät es ist.

Damit kann man leben.

Dann fiel mir allerdings etwas anderes ein.

Wie zeige ich dem Busfahrer beziehungsweise bei einer Kontrolle eigentlich, dass ich ein vollständig bezahltes Monatsabo besitze?

Mein Ticket befindet sich schließlich auf diesem schwarzen Bildschirm.

Ich habe bezahlt.

Das Abo existiert.

Das Verkehrsunternehmen bekommt sein Geld.

Nur beweisen kann ich es in diesem Moment nicht mehr.

Weil ein Akku leer ist.

Und plötzlich wird aus einem völlig legal fahrenden Fahrgast innerhalb weniger Sekunden zumindest technisch jemand, der sein Ticket nicht vorzeigen kann.

Nicht weil er keines gekauft hat.

Nicht weil er nicht bezahlen wollte.

Nicht weil er versucht hat, sich eine Leistung zu erschleichen.

Sondern weil sein Telefon keinen Strom mehr hat.

Da stand ich also.

Mit einem müden Kind.

Mit einem bezahlten Deutschlandticket.

Mit einem Smartphone ohne Akku.

Und mit der wunderbaren Auswahl:

Steige ich jetzt in den Bus und hoffe, dass niemand kontrolliert?

Oder laufe ich mit einem Kind, das bereits sagt, dass seine Füße wehtun und das verständlicherweise langsam keine Geduld mehr hat, ungefähr siebeneinhalb Kilometer?

In solchen Momenten vermisst man plötzlich dieses unglaublich altmodische Stück Hochtechnologie:

Eine Plastikkarte.

Ein kleines Kärtchen.

Kein Akku.

Kein Betriebssystem.

Kein Update.

Kein Login.

Kein Passwort.

Keine Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Kein Mobilfunkempfang.

Keine App.

Man nimmt es aus der Tasche und zeigt es vor.

Fertig.

Aber genau solche einfachen Lösungen werden immer häufiger durch digitale Lösungen ersetzt oder zumindest so weit in den Hintergrund gedrängt, dass man sich beinahe dafür rechtfertigen muss, wenn man etwas nicht ausschließlich über das Smartphone erledigen möchte.

Auch hier ironische Grüße an VKU und andere Verkehrsverbünde

Das eigentlich Absurde daran ist:

Ich bin selbst IT-Mensch.

Ich programmiere.

Ich beschäftige mich täglich mit Software, Webseiten, Systemen, Datenhaltung und Digitalisierung.

Ich bin also wirklich nicht der Mensch, der Technik grundsätzlich ablehnt.

Ganz im Gegenteil.

Ich finde Technik faszinierend.

Aber vielleicht sehe ich deshalb auch einen Unterschied, der zunehmend vergessen wird:

Digitalisierung soll eine Möglichkeit sein. Sie darf keine Voraussetzung für die Teilnahme am normalen Leben werden.

Ein Smartphone sollte ein Werkzeug sein.

Kein Herzschrittmacher für den Alltag.

Ich möchte nicht morgens überlegen müssen, ob mein Smartphone ausreichend geladen ist, damit ich später noch nach Hause fahren darf.

Ich möchte nicht zwei Powerbanks, drei Kabel und ein Netzteil mitnehmen müssen, nur weil irgendwann irgendjemand beschlossen hat, dass alles, was früher mit Karte, Papier oder einem einfachen Nachweis funktioniert hat, unbedingt in eine App gehört.

Denn es geht inzwischen nicht mehr darum, ob man unterwegs Instagram benutzen kann.

Es geht um Bankgeschäfte.

Um Tickets.

Um Navigation.

Um Kommunikation.

Um Identifikation.

Um Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Um Kundenkonten.

Um Termine.

Und teilweise schlicht darum, ob man eine bereits bezahlte Leistung überhaupt noch nutzen oder nachweisen kann.

Und nein, an dieser Stelle möchte ich gar nicht erst die große Datenschutzdiskussion aufmachen.

Der Drops ist für mich weitgehend gelutscht.

Nach unzähligen Datenlecks, Tracking-Systemen, Analyseplattformen und den Datenmengen, die Apps, Webseiten und Geräte seit Jahren sammeln, müssen wir uns wahrscheinlich ohnehin keine Illusion darüber machen, wie anonym unser digitales Leben tatsächlich noch ist.

Mir geht es um etwas viel Einfacheres.

Um Abhängigkeit.

Was passiert eigentlich, wenn dieses eine Gerät ausfällt?

Akku leer.

Display kaputt.

Handy verloren.

Softwarefehler.

App funktioniert nicht.

Account gesperrt.

Server nicht erreichbar.

Kein Mobilfunknetz.

Plötzlich merkt man, wie viele Dinge man gar nicht mehr besitzt.

Man besitzt nicht einmal mehr unbedingt sein Ticket.

Man besitzt einen digitalen Zugang zu seinem Ticket.

Solange das Gerät funktioniert.

Heute waren wir in Lünen.

Im schlimmsten Fall wären es ein paar Kilometer zu Fuß gewesen.

Nervig.

Mit einem müden Kind ziemlich beschissen.

Aber machbar.

Was wäre aber gewesen, wenn wir gerade in Münster gewesen wären?

Oder in Bremen?

Düsseldorf?

Gronau?

Irgendwo, wo man nicht einfach sieben Kilometer nach Hause laufen kann?

Soll ich dann mit einem Kind 50, 80 oder 150 Kilometer laufen, weil der Akku meines Smartphones leer ist?

Oder steige ich in den Zug und werde zum digitalen Schwarzfahrer, obwohl mein Monatsabo längst bezahlt ist?

Natürlich könnte man jetzt sagen:

„Dann musst du dein Handy eben laden.“

Und genau dieser Satz beschreibt eigentlich das Problem.

Denn damit akzeptieren wir bereits, dass ein ständig funktionierendes, geladenes Smartphone inzwischen Voraussetzung dafür sein soll, ganz normale Dinge des täglichen Lebens erledigen zu können.

Vielleicht sollten wir uns deshalb weniger darüber unterhalten, wie wir noch eine App entwickeln können.

Und etwas häufiger darüber, warum wir überhaupt für jeden verdammten Lebensbereich eine brauchen.

Digitale Lösungen können fantastisch sein.

Sie können schnell sein.

Bequem.

Praktisch.

Barrierearm.

Automatisiert.

Aber eine gute digitale Lösung erkennt man für mich auch daran, dass der Mensch nicht handlungsunfähig wird, sobald der Akku auf null Prozent fällt.

Digitalisierung sollte uns Möglichkeiten geben.

Nicht Möglichkeiten wegnehmen.

Und vielleicht wäre es gar nicht so rückständig, neben QR-Code, App, Cloud und Smartphone gelegentlich noch eine kleine Plastikkarte in der Tasche zu haben.

Einfach für den revolutionären Ausnahmefall, dass elektronische Geräte manchmal keinen Strom mehr haben.