Es gibt Menschen, die gehören irgendwie zur Familie und sind einem trotzdem irgendwann fremd geworden.

Meine Stiefoma ist so ein Mensch.

Eigentlich ist schon dieses eine Wort kompliziert.

Stiefoma.

Sie ist nicht meine leibliche Oma. Ich bin ihr Stiefenkel. Mein Sohn wäre ihr Stiefurenkel.

Auf dem Papier – oder zumindest in unserem Stammbaum – lässt sich das ziemlich einfach erklären.

Im wirklichen Leben ist es wesentlich schwieriger.

Denn wenn mich jemand fragt, ob ich sie mag, muss ich nicht lange überlegen.

Ja.

Ich mag sie.

Aber wenn mich jemand fragt, ob ich sie wirklich kenne, sieht die Antwort anders aus.

Ich weiß es nicht.

Vielleicht kannte ich sie einmal besser.

Vielleicht kenne ich hauptsächlich meine Erinnerungen an sie.

Zwischen uns gab es nicht diesen einen großen Streit, nach dem zwei Menschen beschlossen haben, nie wieder miteinander zu sprechen.

Der Bruch entstand durch andere.

Durch falsche Spiele meiner Mutter und meines Opas, durch Dinge zwischen Erwachsenen, durch Verletzungen, Entscheidungen und Geschichten, in die andere Menschen hineingezogen wurden.

Und irgendwann war da diese Grenze.

Nicht mit einem großen Schild darauf.

Sie war einfach plötzlich da.

Dann kam Abstand.

Aus Abstand wurden Monate.

Aus Monaten wurden Jahre.

Und irgendwann stellt man fest, dass ein Mensch, den man immer als Teil der Familie betrachtet hat, im eigenen Leben praktisch nicht mehr vorkommt.

Ich habe meine Stiefoma seit diesem Bruch nicht mehr gesehen.

Zumindest nicht wirklich.

Manchmal sehe ich sie im WhatsApp-Status meiner beiden Schwestern.

Ein Foto.

Ein paar Sekunden.

Ein kleiner Blick in ein Leben, mit dem ich einmal verbunden war.

Mehr ist davon nicht geblieben.

Und jetzt liegt sie offenbar im Sterben.

Plötzlich bekommt diese jahrelange Entfernung eine Endgültigkeit.

Denn solange ein Mensch lebt, gibt es theoretisch immer dieses verdammte Irgendwann.

Irgendwann sieht man sich vielleicht wieder.

Irgendwann redet man vielleicht.

Irgendwann klärt sich etwas.

Irgendwann ist genug Zeit vergangen.

Und plötzlich gibt es dieses Irgendwann vielleicht nicht mehr.

Natürlich kommt dann die Frage:

Soll ich hinfahren?

Man könnte es sich einfach machen.

„Das ist deine Stiefoma. Fahr hin.“

Aber so einfach fühlt es sich nicht an.

Denn ich weiß überhaupt nicht, wer für sie durch diese Tür kommen würde.

Ihr Stiefenkel?

Jemand aus einem früheren Teil ihres Lebens?

Oder inzwischen einfach ein Fremder?

Würde sie mich ansehen und sich freuen?

Würde sie vielleicht sagen:

„Schön, dass du gekommen bist.“

Vielleicht wäre für einen Augenblick vollkommen egal, was all die Jahre gewesen ist.

Vielleicht würde sie meine Hand nehmen.

Vielleicht würde sie sich wirklich freuen.

Und genau dieser Gedanke macht die Entscheidung nicht leichter, sondern schwerer.

Denn genauso könnte sie sich fragen:

Warum kommt er jetzt?
Warum jetzt, wo ich im Sterben liege?
Warum nicht vor einem Jahr?
Warum nicht vor fünf?
Warum überhaupt?

Vielleicht wäre ich willkommen.

Vielleicht wäre ich ungebeten.

Ich weiß es nicht.

Ich kenne ihre Reaktion nicht.

Und nach all dieser Zeit kenne ich sie wahrscheinlich auch nicht mehr gut genug, um sie vorhersehen zu können.

Das tut weh.

Denn ich kann jetzt nicht einfach auftauchen, nur weil sie gerade den Popo zukneift.

Das klingt hart.

Vielleicht sogar respektlos.

Aber hinter diesem Satz steckt für mich etwas anderes.

Der Tod kann nicht plötzlich so tun, als hätte es die vergangenen Jahre nicht gegeben.

Er kann eine verlorene Beziehung nicht innerhalb eines Nachmittags reparieren.

Und ich möchte nicht an ihrem Bett stehen, nur damit ich später sagen kann:

„Wenigstens war ich noch einmal da.“

Denn dann wäre dieser Besuch vielleicht gar nicht für sie.

Dann wäre er für mein Gewissen.

Andererseits gibt es diese andere Stimme.

Die verdammte kleine Stimme, die fragt:

Und wenn sie sich gefreut hätte?

Was, wenn sie mich tatsächlich gerne noch einmal gesehen hätte?

Was, wenn sie genauso wenig wusste, ob sie sich bei mir melden darf oder soll?

Was, wenn auf beiden Seiten Menschen jahrelang voreinander standen und keiner wusste, wie man diesen ersten Schritt macht?

Darauf werde ich möglicherweise nie eine Antwort bekommen.

Und dann ist da mein Sohn.

Ihr Stiefurenkel.

Diese Bezeichnung zeigt eigentlich schon, wie viele familiäre Schritte zwischen den beiden liegen.

Für mich gibt es wenigstens Erinnerungen an diese Frau.

Für meinen Sohn gibt es die praktisch nicht.

Für ihn wäre sie keine Oma, zu der man noch einmal fährt.

Keine vertraute Frau, deren Stimme er kennt.

Keine Person, bei der Erinnerungen hochkommen.

Für ihn wäre sie im Grunde eine fremde Frau.

Und dann müsste ich meinem Kind erklären:

Wir fahren jetzt zu dieser Frau, weil sie irgendwie zu unserer Familie gehört.

Du kennst sie nicht.

Sie kennt dich kaum oder vielleicht gar nicht.

Aber wahrscheinlich wird sie bald sterben.

Warum sollte ich meinem Kind diese Situation aufladen?

Er trägt keine Verantwortung für das, was Erwachsene vor Jahren kaputtgemacht haben.

Er muss keinen Familienkreis schließen.

Er muss kein schlechtes Gewissen beruhigen.

Und er muss auch keinen Abschied von einem Menschen erleben, zu dem er selbst nie eine Beziehung aufbauen konnte.

Wenn ich mich verabschieden muss, dann ist das mein Abschied.

Nicht seiner.

Und vielleicht ist genau das der schwierigste Teil an der ganzen Geschichte:

Ich bin nicht wütend auf meine Stiefoma.

Ich hasse sie nicht.

Sie ist mir nicht egal.

Wäre sie mir egal, wäre diese Entscheidung unglaublich einfach.

Dann würde ich nicht darüber nachdenken, ob sie sich freuen könnte.

Ich würde mich nicht fragen, ob ich etwas verpasse.

Ich würde nicht darüber nachdenken, ob ich irgendwann bereue, nicht durch diese Tür gegangen zu sein.

Aber ich kann auch nicht behaupten, wir hätten heute noch eine Beziehung.

Vielleicht mag ich einen Menschen, den ich hauptsächlich aus meiner Vergangenheit kenne.

Und vielleicht kennt sie ebenfalls nur noch den Menschen, der ich einmal gewesen bin.

Das Tragische daran ist:

Das alles ist nicht erst jetzt passiert.

Es ist nicht entstanden, weil sie im Sterben liegt.

Es ist über Jahre entstanden.

Vielleicht hätte man früher miteinander reden müssen.

Vielleicht hätten andere Menschen ihre Konflikte nicht auf Beziehungen übertragen dürfen, die eigentlich gar nichts damit zu tun hatten.

Vielleicht hätte irgendwann jemand sagen müssen:

„Das ist eine Sache zwischen uns Erwachsenen. Lasst Oma und Stiefenkel da raus.“

Ist aber nicht passiert.

Und heute stehen wir am Ende einer Geschichte, bei der niemand weiß, ob das letzte Kapitel überhaupt noch geschrieben werden sollte.

Vielleicht fahre ich nicht hin und frage mich irgendwann, was passiert wäre.

Vielleicht fahre ich hin und stelle fest, dass ich tatsächlich ein Fremder geworden bin.

Oder ich fahre hin und sie freut sich.

Vielleicht ist genau diese dritte Möglichkeit diejenige, die am meisten weh tut.

Weil ich es vorher nicht wissen kann.

Ich wünsche meiner Stiefoma jedenfalls nichts Schlechtes.

Ganz im Gegenteil.

Ich wünsche ihr, dass sie keine Angst hat.

Dass Menschen bei ihr sind, die sie liebt und denen sie vertraut.

Dass jemand ihre Hand hält, wenn sie eine Hand braucht.

Dass sie keine Schmerzen hat.

Und dass sie, wenn ihre Zeit tatsächlich gekommen ist, in Ruhe gehen darf.

Vielleicht muss die Hand, die sie dabei hält, nicht meine sein.

Vielleicht muss ich nicht an ihrem Bett stehen, um ihr trotzdem alles Gute für diesen letzten Weg zu wünschen.

Und vielleicht darf es mir trotzdem unendlich leid tun.

Denn möglicherweise trauere ich gerade um zwei Dinge gleichzeitig.

Um meine Stiefoma.

Und um die Beziehung zu ihr, die wir vielleicht hätten haben können.

Der erste Verlust passiert vielleicht gerade erst.

Der zweite ist wahrscheinlich schon vor vielen Jahren passiert.

Nur fühlt er sich erst jetzt endgültig an.

*08.09.2026*