Ich habe diesen Satz gelesen:

„Mein Kind will nicht nicht.
Mein Kind kann gerade nicht.“

Und je öfter ich ihn gelesen habe, desto mehr dachte ich:

Nein.

Zumindest nicht immer.

Denn ich kenne mein Kind.

Und mein Sohn kann erstaunlich viel nicht, wenn er gerade keine Lust darauf hat.

Komischerweise kann er fünf Minuten später ziemlich genau dasselbe hervorragend, wenn es plötzlich um etwas geht, das er selbst möchte.

Vielleicht bin ich damit heute schon der verstaubte Papa.

Der Papa mit der alten Erziehung.

Der Papa, bei dem ein Nein tatsächlich noch Nein bedeutet.

Damit kann ich leben.

Ich bin nicht der Papa für drei Stunden Erklärungen

Ich bin nicht derjenige, der seinem Kind drei Stunden lang erklärt, warum eine Grundregel eine Grundregel ist.

Das kann Mama besser.

Sehr viel besser.

Mama kann erklären.
Und erklären.
Und noch einmal anders erklären.

Mit Verständnis.
Mit Beispielen.
Mit Gründen.
Mit Gegenargumenten.
Mit einer weiteren Erklärung zu den Gründen.

Drei Stunden später kann ich unseren Sohn fragen:

„Und was hat Mama jetzt gesagt?“

„Weiß ich nicht.“

Großartig.

Drei Stunden Vortrag erfolgreich im Äther verschwunden.

Ich bin da einfacher gestrickt.

Ich sage etwas.

Ich sage es ein zweites Mal.

Beim dritten Mal merkt man meistens an meiner Stimme, dass die freundliche Antragsphase beendet ist.

Denn wenn ich etwas fünfmal sagen muss, ist für mich schon vorher etwas schiefgelaufen.

Und ja. Ich werde laut.

Richtig laut.

Ich bin nicht der Papa, der dann auf Augenhöhe hockt, tief durchatmet und mit Engelsstimme zum sechsten Mal erklärt, weshalb wir jetzt bitte die Schuhe anziehen.

Irgendwann kommt bei mir der Feldwebel.

„ICH HABE DIR DAS JETZT GESAGT.“

Kann man doof finden.

Wahrscheinlich würden sich bei manchen modernen Erziehungsratgebern an dieser Stelle schon die Seiten von selbst zuklappen.

Aber so bin ich.

Ich gehe auch auf Machtkämpfe ein

Das soll man angeblich nicht.

Überall liest man:

Nicht in den Machtkampf einsteigen.
Ruhe bewahren.
Gefühle begleiten.
Verbindung herstellen.

Alles schön.

Nur gibt es Situationen, in denen mein Sohn ganz offensichtlich wissen möchte:

Wer gibt zuerst nach?

Und dann bekommt er seine Antwort.

Nicht Papa.

Wenn ich Nein sage und genau weiß, warum ich Nein gesagt habe, dann wird daraus nicht nach 20 Minuten Geschrei plötzlich ein Vielleicht.

Und nach 40 Minuten kein:

„Na gut, ausnahmsweise.“

Denn dann habe ich meinem Kind genau eine Sache beigebracht:

Ein Nein gilt so lange, bis ich genügend Theater veranstaltet habe.

Und Theater kann er

Papa motzt?

Ab zu Mama.

Heulend natürlich.

Vielleicht lässt sich dort noch etwas retten.

Mama sagt zufällig dasselbe wie Papa?

Katastrophe.

Dann kommt die große Vorstellung.

Auf den Boden.
Geschrei.
Empörung.
Die Welt ist ungerecht.
Niemand liebt einen.

Mindestens der Bambi wäre drin.

Vielleicht auch der Deutsche Fernsehpreis.

Bei besonders überzeugender Darbietung reden wir über internationale Auszeichnungen.

Und irgendwo stehen zwei Eltern daneben und wissen ziemlich genau:

Vor zwei Minuten war die Welt noch völlig in Ordnung.

Bis zu diesem einen Wort:

Nein.

Nicht alles ist automatisch „Nervensystem“

Ich weiß, dass man so etwas heute möglichst nicht mehr „Theater“ nennen soll.

Vielleicht ist es Überforderung.

Vielleicht Frust.

Vielleicht ist er tatsächlich in diesem Moment nicht in der Lage, sich selbst wieder einzufangen.

Das kommt vor.

Natürlich kommt das vor.

Aber ich weigere mich trotzdem, jede Reaktion meines Kindes automatisch zu einer biologischen Unmöglichkeit umzudeuten.

Ein Kind darf auch einfach wütend sein, weil es seinen Willen nicht bekommt.

Es darf enttäuscht sein.

Es darf Papa scheiße finden.

Es darf schreien:

„Das ist unfair!“

Die Welt geht davon nicht unter.

Und das Nein übrigens auch nicht.

Manchmal heißt es bei mir: Du sitzt jetzt hier

Bei mir gibt es deshalb manchmal auch:

„Du sitzt jetzt hier.“

Nicht als Gefängnisstrafe.

Nicht stundenlang.

Sondern:

Jetzt ist Schluss.

Du bist gerade überhaupt nicht mehr bei uns.

Du schreist.
Du provozierst.
Du hörst sowieso nichts mehr von dem, was irgendjemand sagt.

Also sitzt du jetzt erst einmal dort, bis du wieder ansprechbar bist.

Danach können wir weitersehen.

Vielleicht klingt selbst das für manche schon furchtbar altmodisch.

Für mich ist es manchmal schlicht die Unterbrechung eines völlig sinnlosen Kampfes.

Auch der verstaubte Papa darf sich hinterfragen

Und ja, es gab auch Situationen, in denen ich härter reagiert habe.

Auch Situationen mit einer kalten Dusche, weil ich wollte, dass dieser komplette Zustand endlich unterbrochen wird.

Das gehört zur Wahrheit, wenn ich über meine Art zu erziehen schreibe.

Ich werde daraus aber keinen Erziehungstipp machen.

Denn zwischen:

„Hier ist jetzt Schluss.“

und einem körperlichen Mittel, mit dem ich mein Kind aus einem Zustand herauszwingen will, liegt für mich inzwischen doch noch einmal eine Grenze.

Auch ein alter, verstaubter Papa darf seine eigenen Methoden hinterfragen.

Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Regeln verschwinden.

Grundregeln sind Grundregeln

Denn bei einem Punkt bleibe ich.

Grundregeln sind Grundregeln.

Zähne werden geputzt.

Auf der Straße bleibt man stehen.

Andere Menschen werden nicht geschlagen.

Bestimmte Dinge werden weggeräumt.

Wenn Papa oder Mama Stopp sagen, dann gibt es Situationen, in denen Stopp nicht erst Gegenstand einer Familienkonferenz wird.

Ich empfinde das nicht als Lieblosigkeit.

Im Gegenteil.

Es ist Verantwortung.

Mein Kind muss mich nicht immer mögen

Das klingt vielleicht hart.

Aber ich glaube, das gehört zum Vatersein dazu.

Ich möchte natürlich, dass mein Sohn mich liebt.

Und ich liebe ihn wahrscheinlich mehr, als ich manchmal überhaupt in Worte packen könnte.

Aber meine Aufgabe ist nicht, jede Entscheidung danach auszurichten, ob er mich in den nächsten fünf Minuten noch toll findet.

Wenn er wegen eines Neins wütend auf mich ist:

Dann ist er wütend auf mich.

Ich halte das aus.

Liebe bedeutet für mich nicht: Du bekommst deinen Willen

Liebe bedeutet auch nicht:

Papa bleibt immer leise.

Ich bin ein Mensch.

Ich werde sauer.

Ich werde genervt.

Ich werde laut.

Manchmal wahrscheinlich lauter, als es notwendig gewesen wäre.

Auch das gehört zur Wahrheit.

Aber mein Sohn soll trotzdem immer wissen:

Dieser laute, alte, verstaubte Papa liebt dich.

Auch gerade jetzt.

Auch mitten im Streit.

Auch während du mich vermutlich am liebsten auf den Mond schießen würdest.

Vielleicht ist das der Unterschied

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen meinem Verständnis von Erziehung und vielen dieser hübschen Karten im Internet.

Dort lese ich:

„Mein Kind kann gerade nicht.“

Ich sage:

Manchmal stimmt das.

Und manchmal kann es sehr wohl.

Manchmal testet es.

Manchmal provoziert es.

Manchmal versucht es Mama gegen Papa auszuspielen.

Manchmal ist es vollkommen überfordert.

Und manchmal ist es schlicht stinkesauer, weil die Antwort nicht die gewünschte war.

Meine Verantwortung besteht nicht darin, für alles dieselbe Erklärung zu finden.

Meine Verantwortung besteht darin, mein Kind gut genug zu kennen, um den Unterschied möglichst oft zu erkennen.

Und natürlich werde ich dabei Fehler machen.

Dann bin ich eben der alte, verstaubte Papa

Vielleicht bin ich damit tatsächlich der alte, verstaubte Papa.

Klare Regeln.

Klare Ansagen.

Manchmal Feldwebel.

Manchmal viel zu laut.

Und definitiv keine dreistündige PowerPoint-Präsentation darüber, warum man jetzt bitte seine Schuhe anziehen möge.

Damit kann ich leben.

Denn hinter all dem steht etwas, das mein Sohn hoffentlich niemals infrage stellen muss:

Papa setzt Grenzen.

Papa übernimmt Verantwortung.

Papa sagt auch Nein.

Papa macht Fehler.

Und Papa liebt dich trotzdem wie verrückt.