Wenn andere deine Ziele schon beerdigt haben
Es gibt Menschen, die wissen ziemlich genau, was man kann.
– Zumindest glauben sie das. –
Sie kennen einen Ausschnitt aus deinem Leben. Vielleicht einen Fehler. Vielleicht etwas, das nicht funktioniert hat. Vielleicht einen Weg, der länger dauert als geplant.
Und daraus entsteht plötzlich ein vollständiges Urteil.
Du kannst das nicht.
Das wird nichts.
Such dir etwas anderes.
Sei realistisch.
Ich finde diesen Satz inzwischen ziemlich interessant.
Sei realistisch.
Denn meistens bedeutet er gar nicht:
Schau dir deine Möglichkeiten vernünftig an.
Oft bedeutet er eher:
Richte deine Möglichkeiten nach dem aus, was ich dir zutraue.
Das ist ein Unterschied.
Ein ziemlich großer sogar.
Natürlich funktioniert nicht alles.
Man kann sich verrennen.
Man kann eine falsche Entscheidung treffen, ein Projekt gegen die Wand fahren oder an einer Prüfung scheitern.
Man kann Wochen an etwas arbeiten und irgendwann feststellen, dass die Idee zwar gut klang, aber technisch völliger Unsinn war.
Dann fängt man eben noch einmal an.
Oder anders.
Oder kleiner.
Vielleicht auch größer.
Scheitern ist schließlich kein besonders zuverlässiges Messinstrument dafür, was ein Mensch grundsätzlich kann.
Es zeigt erst einmal nur:
Dieser Versuch hat nicht funktioniert.
Mehr nicht.
Den Rest schreiben häufig andere dazu.
Das Merkwürdige ist, dass Menschen einem besonders gerne Grenzen erklären, wenn man selbst gerade versucht, welche zu verschieben.
Solange man nichts macht, gibt es wenig zu kritisieren.
Wer aber etwas baut, lernt, ausprobiert oder einen ungewöhnlichen Weg einschlägt, liefert automatisch Angriffsfläche.
Dann sieht jemand das unfertige Projekt.
Aber nicht die hundert Dinge, die man dabei gelernt hat.
Jemand sieht das Ergebnis einer Prüfung.
Aber nicht die Monate davor und auch nicht das, was danach passiert.
Jemand sieht, dass etwas noch nicht funktioniert.
Aber nicht, dass gestern noch wesentlich weniger funktioniert hat.
Ich arbeite an meinen Dingen trotzdem weiter.
Nicht aus Trotz.
Und auch nicht, um irgendwann triumphierend irgendwo aufzutauchen und sagen zu können:
„Siehst du, ich hatte recht.“
Dafür wäre mir die Zeit zu schade.
Ich mache weiter, weil es meine Ziele sind.
Ich programmiere.
Ich baue Dinge.
Ich zerlege Dinge.
Manchmal zerlege ich dabei vermutlich auch Dinge, die vorher funktioniert haben.
Dann suche ich den Fehler.
Ich lese.
Ich probiere.
Ich verwerfe.
Ich fange neu an.
Und irgendwann funktioniert etwas, das vorher nicht funktioniert hat.
Das ist für mich wesentlich interessanter als die Frage, wer mir vorher zugetraut hat, dass ich es hinbekomme.
Vielleicht liegt genau dort ein Denkfehler.
Wir warten viel zu häufig auf irgendeine Form von Erlaubnis.
Darauf, dass jemand sagt:
Du bist jetzt gut genug.
Du hast jetzt den richtigen Abschluss.
Du hast genug Erfahrung.
Du darfst dich jetzt an dieses Thema wagen.
Aber dieser Moment kommt möglicherweise nie.
Denn während man selbst weiterlernt, verschieben manche Menschen einfach ihre Anforderungen.
Erst kannst du es angeblich nicht.
Dann war es nur Glück.
Danach war es nicht besonders schwierig.
Und irgendwann hätte es sowieso jeder gekonnt.
So kann man natürlich auch durchs Leben gehen.
Ich möchte das nicht.
Ich muss auch niemandem beweisen, dass aus jeder meiner Ideen etwas Großes wird.
Wahrscheinlich wird aus manchen überhaupt nichts.
Einige werden verschwinden.
Andere werden jahrelang unfertig herumliegen.
Manche werden vielleicht genau das, was ich mir vorgestellt habe.
Und bei anderen werde ich irgendwann feststellen:
Das war eine ziemlich bescheuerte Idee.
Auch das gehört dazu.
Denn wer ausprobiert, produziert zwangsläufig Dinge, die nicht funktionieren.
Wer dagegen immer nur das macht, bei dem das Ergebnis vorher garantiert ist, kann zwar erstaunlich selten scheitern.
Er findet aber auch erstaunlich selten heraus, was noch möglich gewesen wäre.
Menschen dürfen mir wenig zutrauen.
Das ist ihr gutes Recht.
Ich muss daraus nur nicht meine eigene Grenze machen.
Vielleicht erreiche ich manche meiner Ziele.
Vielleicht andere nicht.
Vielleicht lande ich am Ende sogar irgendwo, wo ich heute überhaupt nicht hinwill.
Aber wenigstens möchte ich dann sagen können:
Ich habe meinen Weg nicht deshalb verlassen, weil jemand anderes meinte, ich würde ihn sowieso nicht schaffen.
Und vielleicht ist das bereits genug.
Nicht das große Gerede vom Erfolg.
Nicht dieses ewige „Du musst nur an dich glauben.“
Manchmal reicht etwas wesentlich Unspektakuläreres:
Morgen einfach weitermachen.