Es gibt eine Uhrzeit, zu der gute Eltern ihre Kinder ins Bett bringen.

Offenbar.

19 Uhr.

Vielleicht 19:15 Uhr, wenn man besonders großzügig ist.

Dann wird das Licht ausgeschaltet, das Kind schläft selbstverständlich friedlich zehn oder zwölf Stunden durch und wacht am nächsten Morgen ausgeschlafen, gut gelaunt und selbstverständlich exakt dann auf, wenn der gesellschaftliche Tagesplan es vorsieht.

So zumindest scheint manchmal die Theorie auszusehen.

Die Praxis heißt bei mir Sam.

Und Sam hat offensichtlich vergessen, das Handbuch zu lesen.

Wenn ich ihn gegen 19 Uhr ins Bett stecke, weil irgendeine Vorstellung davon sagt, dass ein Kind zu dieser Uhrzeit schlafen sollte, dann schläft er ungefähr acht Stunden.

Die Rechnung ist nicht besonders kompliziert.

19 Uhr plus acht Stunden ergibt drei Uhr morgens.

Und um drei Uhr morgens steht dann ein ausgeschlafener kleiner Mensch auf der Matte.

Nicht das Jugendamt.

Nicht irgendeine Beratungsstelle.

Nicht irgendeine Einrichtung.

Ich.

Denn Tabellen übernehmen erstaunlich selten die Nachtschicht.

Vielleicht liegt genau dort eines der Probleme unseres Umgangs mit Familien.

Wir reden unglaublich viel von Individualität.

Jedes Kind sei anders.

Jedes Kind habe andere Bedürfnisse.

Jedes Kind entwickle sich in seinem eigenen Tempo.

Das klingt wunderbar.

Bis ein Kind tatsächlich anders funktioniert.

Dann tauchen plötzlich Richtwerte auf.

Schlafenszeiten.

Essenszeiten.

Entwicklungsstufen.

Tagesabläufe.

Verhaltensregeln.

Förderpläne.

Und aus einer Orientierung wird erstaunlich schnell eine Erwartung.

Natürlich brauchen Kinder Strukturen.

Natürlich brauchen sie Grenzen.

Natürlich brauchen sie Schlaf, Sicherheit, Verlässlichkeit und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.

Aber Struktur bedeutet nicht, dass jede Familie denselben Stundenplan führen muss.

Ein Kind ist keine Maschine, bei der man um 19 Uhr den Ausschalter drückt.

Und Eltern sind keine fehlerhaften Bediener, nur weil ihr Kind nicht nach Standardkonfiguration läuft.

Was mich an manchen Einrichtungen rund um Kinder stört, ist deshalb nicht ihre Existenz.

Im Gegenteil.

Jugendämter, Familienhilfen, Beratungsstellen und andere Einrichtungen können wichtig sein.

Es gibt Kinder, die Schutz brauchen.

Es gibt Eltern, die Unterstützung brauchen.

Es gibt Situationen, in denen jemand von außen hinschauen muss.

Aber zwischen hinschauen und vorschreiben liegt ein gewaltiger Unterschied.

Wer Familien begleitet, sollte zuerst beobachten.

Dann fragen.

Dann verstehen.

Und erst danach beurteilen.

Nicht andersherum.

Denn irgendwann wird aus Erfahrung Routine.

Aus Routine wird ein Schema.

Und aus einem Schema entsteht die Versuchung, jede Familie hineinzupressen.

Das Kind ist vier?

Dann müsste es dies können.

Das Kind ist fünf?

Dann sollte es jenes tun.

Abends sollte es um diese Uhrzeit schlafen.

Morgens sollte es um jene Uhrzeit aufstehen.

Und wenn es nicht funktioniert, muss irgendwo ein Fehler sein.

Vielleicht bei den Eltern.

Vielleicht bei der Erziehung.

Vielleicht bei der Struktur.

Oder vielleicht ist das Kind einfach ein Mensch.

Das wäre zumindest eine Möglichkeit.

Ich wünsche mir von Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten, deshalb weniger Schablonen und mehr Neugier.

Warum schläft dieses Kind so?

Wie viel Schlaf braucht es tatsächlich?

Wann wird es müde?

Wie sieht der Alltag der Familie aus?

Funktioniert das Kind morgens?

Ist es ausgeglichen?

Ist es gesund?

Ist es aufmerksam?

Ist es tagsüber erschöpft?

Das wären Fragen.

„Ein Kind gehört um 19 Uhr ins Bett“ ist dagegen keine Frage.

Es ist eine Vorgabe.

Und Vorgaben sind bequem.

Sie ersparen das Nachdenken.

Mein Alltag funktioniert aber nicht auf Papier.

Wenn Sam um 19 Uhr schläft und um drei Uhr morgens ausgeschlafen ist, dann bringt mir auch die schönste pädagogische Theorie wenig.

Ich kann mich dann natürlich darüber freuen, dass ich alles nach Lehrbuch gemacht habe.

Während ich um 03:17 Uhr mit einem hellwachen Kind im Wohnzimmer sitze.

Oder ich kann etwas ausgesprochen Revolutionäres tun:

mein eigenes Kind beobachten.

Schauen, wann es müde wird.

Schauen, wie lange es schläft.

Schauen, welcher Rhythmus für unseren Alltag funktioniert.

Und daraus Entscheidungen treffen.

Das nennt man manchmal Elternsein.

Es bedeutet nicht, dass Eltern immer recht haben.

Natürlich nicht.

Eltern können Fehler machen.

Fachkräfte können Fehler machen.

Ämter können Fehler machen.

Ärzte können Fehler machen.

Erzieher können Fehler machen.

Menschen können Fehler machen.

Genau deshalb wird es gefährlich, wenn eine Seite beginnt zu glauben, ihre Berufsbezeichnung mache ihre Einschätzung automatisch zur Wahrheit.

Fachwissen ist wertvoll.

Erfahrung ebenfalls.

Aber beides ersetzt nicht das konkrete Kind, das gerade vor einem steht.

Vielleicht stammen manche Vorstellungen auch einfach aus einer anderen Zeit.

Aus einer Zeit mit sehr festen Tagesabläufen.

Abendbrot.

Waschen.

Schlafanzug.

Sandmännchen.

Bett.

Ruhe.

Und für manche Familien funktioniert das sogar hervorragend.

Dann sollen sie es genauso machen.

Aber Tradition ist kein Naturgesetz.

Nur weil etwas jahrzehntelang so gemacht wurde, bedeutet das nicht automatisch, dass es für jedes Kind richtig ist.

Gerade Einrichtungen, die Familien begleiten, müssten eigentlich diejenigen sein, die Unterschiede aushalten können.

Denn sie sehen jeden Tag, wie verschieden Kinder sind.

Das eine Kind schläft zwölf Stunden.

Das nächste neun.

Das eine schläft sofort ein.

Das nächste braucht eine Stunde.

Das eine steht um sechs Uhr auf.

Das andere würde freiwillig bis acht schlafen.

Das eine braucht einen festen Ablauf auf die Minute.

Das andere kommt mit etwas Flexibilität besser zurecht.

Warum sollte ausgerechnet bei Kindern die Individualität dort enden, wo eine Tabelle beginnt?

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Sätze wie:

„Das macht man so.“

Und mehr Sätze wie:

„Wie funktioniert es bei Ihrem Kind?“

Weniger:

„Kinder müssen um diese Uhrzeit schlafen.“

Mehr:

„Wie viel Schlaf bekommt Ihr Kind insgesamt?“

Weniger:

„Das entspricht nicht unserer Vorstellung.“

Mehr:

„Gibt es dadurch überhaupt ein Problem?“

Denn nicht jede Abweichung ist ein Problem.

Manchmal ist sie einfach nur eine Abweichung.

Ich möchte keinen Kampf zwischen Eltern und Einrichtungen.

Davon profitieren Kinder am allerwenigsten.

Ich wünsche mir Zusammenarbeit.

Aber Zusammenarbeit funktioniert nicht, wenn eine Seite automatisch Lehrer und die andere automatisch Schüler spielen soll.

Eltern kennen den Alltag ihres Kindes.

Fachkräfte kennen viele Kinder und verfügen über professionelles Wissen.

Eigentlich wäre das eine ziemlich gute Kombination.

Wenn beide Seiten bereit wären, einander zuzuhören.

Kinderschutz ist wichtig.

Beratung ist wichtig.

Unterstützung ist wichtig.

Aber auch etwas anderes ist wichtig:

anzuerkennen, dass Kinder Menschen sind und keine Normwerte.

Sam wird jedenfalls auch morgen nicht deshalb länger schlafen, weil irgendwo jemand der Meinung ist, dass Kinder um 19 Uhr ins Bett gehören.

Er kann diese Empfehlung schließlich nicht lesen.

Und selbst wenn er es könnte, würde er vermutlich kurz darüber nachdenken, acht Stunden schlafen und mich anschließend um drei Uhr morgens darüber informieren, was er davon hält.

Manchmal ist die Wirklichkeit eben hartnäckiger als das Handbuch.