Willkommen in der Digitalwelt, oder Wenn ein leerer Akku plötzlich zum persönlichen Versagen wird.
Kaum hatte ich meinen Text über einen leeren Smartphone-Akku veröffentlicht, kam ziemlich schnell eine Reaktion.
Sinngemäß:
Wenn du dein Portemonnaie zu Hause liegen lässt, hast du schließlich auch kein Ticket dabei.
Willkommen in der Digitalwelt.
Ohne Strom läuft heute eben nichts mehr.
Viele Busse hätten Steckdosen, ansonsten könne man ja irgendwo etwas essen gehen und dort laden.
Oder einfach eine Powerbank mitnehmen.
Und eigentlich hätte man mit dem Kind ja auch einfach früher nach Hause fahren können.
Ich musste diesen Kommentar tatsächlich zweimal lesen.
Nicht weil ich ihn nicht verstanden hätte.
Sondern weil er ziemlich wunderbar zeigt, wie selbstverständlich wir inzwischen eine Entwicklung akzeptieren, die ich in meinem ursprünglichen Text eigentlich kritisieren wollte.
Denn offenbar lautet die Lösung für ein technisches Problem inzwischen nicht mehr:
Wie können wir das System ausfallsicherer gestalten?
Sondern:
Warum warst du nicht besser auf das System vorbereitet?
Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Der Vergleich mit dem Portemonnaie klingt zunächst logisch.
Ist er aber nicht.
Wenn ich mein Portemonnaie zu Hause liegen lasse, habe ich tatsächlich etwas vergessen.
Das Portemonnaie liegt dann zu Hause.
Meine Bankkarte liegt zu Hause.
Mein Bargeld liegt zu Hause.
Vielleicht liegt auch meine Fahrkarte darin.
Ich habe den Gegenstand schlicht nicht mitgenommen und wäre gar nicht erst fort gekommen.
Bei meinem Smartphone war das anders.
Ich hatte es dabei.
Ich hatte mein Ticket dabei.
Ich hatte mein bezahltes Monatsabo dabei.
Das Verkehrsunternehmen hatte sein Geld längst bekommen.
Nur das Gerät, das mir erlaubt, dieses bereits bezahlte Ticket sichtbar zu machen, hatte keinen Strom mehr.
Das Ticket war also nicht vergessen.
Es war lediglich hinter einem schwarzen Stück Glas eingesperrt.
Und genau da beginnt für mich der interessante Teil.
Denn irgendwann haben wir offenbar beschlossen, dass das völlig normal ist.
Natürlich hätte ich eine Powerbank mitnehmen können.
Vielleicht sogar zwei.
Dazu ein USB-C-Kabel.
Vielleicht noch ein zweites Kabel, falls das erste kaputtgeht.
Ein Netzteil wäre sicherlich ebenfalls sinnvoll.
Und wenn wir schon dabei sind, vielleicht noch eine kleine Mehrfachsteckdose.
Man weiß ja nie.
Dann könnte ich künftig mit meinem Sohn auf den Spielplatz gehen und dabei aussehen wie der Außendienst eines kleinen Elektronikfachmarktes.
Nur damit dieses kleine Gerät in meiner Hosentasche am Leben bleibt.
Denn davon hängt inzwischen erstaunlich viel ab.
Navigation.
Kommunikation.
Banking.
Tickets.
Termine.
E-Mails.
Kundenkarten.
Bonusprogramme.
Authentifizierung.
Und natürlich die Zwei-Faktor-Authentifizierung für den Zugang zu anderen Geräten, weil wir inzwischen ein Gerät benötigen, damit wir beweisen können, dass wir das andere Gerät benutzen dürfen.
Technischer Fortschritt kann wunderschön sein.
Manchmal hat er allerdings einen erstaunlichen Sinn für Humor.
Besonders interessant fand ich den Satz:
„Willkommen in der Digitalwelt.“
Er klingt ein bisschen wie eine Naturkonstante.
Als wäre die Digitalwelt irgendwann vom Himmel gefallen.
So wie Regen.
Oder Schwerkraft.
Kann man nichts machen.
Ist halt so.
Ohne Strom läuft heute eben nichts mehr.
Aber diese digitale Welt wurde von Menschen gebaut.
Von Entwicklern.
Von Unternehmen.
Von Verkehrsverbünden.
Von Produktmanagern.
Von Verwaltungen.
Von Leuten, die Entscheidungen getroffen haben.
Und genau deshalb darf man diese Entscheidungen auch hinterfragen.
Ich arbeite selbst mit IT.
Ich entwickle Systeme.
Ich verbringe vermutlich mehr Zeit mit Quellcode, Datenstrukturen und technischen Problemen, als meinem Rücken langfristig guttun dürfte.
Ich bin also ziemlich weit davon entfernt, Digitalisierung grundsätzlich abzulehnen.
Aber gerade deshalb kenne ich eine ziemlich wichtige Regel:
Ein gutes System plant Fehler ein.
Menschen machen Fehler.
Geräte machen Fehler.
Akkus werden leer.
Server fallen aus.
Apps stürzen ab.
Displays gehen kaputt.
Mobilfunknetze verschwinden.
Passwörter werden vergessen.
Accounts werden gesperrt.
Updates funktionieren nicht.
Das ist keine Überraschung.
Das ist Alltag.
In der IT baut man deshalb Backups.
Redundanzen.
Fallbacks.
Recovery-Systeme.
Notfallwege.
Man verlässt sich möglichst nicht darauf, dass eine einzige Komponente für immer perfekt funktioniert.
Nur beim Menschen machen wir offenbar das Gegenteil.
Da bauen wir immer mehr Dienste um ein einziges Gerät herum und erklären anschließend:
Dann musst du eben dafür sorgen, dass es funktioniert.
Interessantes Systemdesign.
Auch der Tipp mit den Steckdosen im Bus ist schön.
Vielleicht hat der Bus eine.
Vielleicht funktioniert sie.
Vielleicht ist sie gerade frei.
Vielleicht habe ich ein Kabel dabei.
Vielleicht unterstützt die Buchse mein Gerät.
Vielleicht lädt das Smartphone schnell genug.
Vielleicht fährt der Bus überhaupt lange genug, damit das Gerät wieder startet.
Und um in diesen Bus einzusteigen, müsste ich vorher eigentlich mein digitales Ticket zeigen.
Das auf dem leeren Smartphone liegt.
Man erkennt möglicherweise einen kleinen logischen Kreis.
Die Alternative:
Zum nächsten Restaurant gehen.
Dort etwas kaufen.
Eine Steckdose suchen.
Das Smartphone laden.
Warten.
Dann wieder zur Haltestelle.
Damit ich anschließend eine Leistung nutzen kann, die ich bereits bezahlt habe.
Das ist natürlich möglich.
Es ist nur keine besonders beeindruckende Definition von Fortschritt.
Aber dann nahm die Diskussion plötzlich noch eine interessante Kurve.
Denn aus der Frage
„Sollte ein bezahltes Ticket wirklich ausschließlich von einem funktionierenden Smartphone abhängen?“
wurde auf einmal:
„Dann hättest du mit deinem Kind eben früher nach Hause fahren sollen.“
Und da musste ich tatsächlich schmunzeln.
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.
Ich schreibe über Digitalisierung.
Über technische Abhängigkeiten.
Über Tickets.
Über Akkus.
Und wenige Kommentare später befinden wir uns plötzlich bei meiner Tagesplanung als Vater.
Das Internet schafft manchmal erstaunliche Abkürzungen.
Natürlich hätte ich früher nach Hause fahren können.
Ich hätte auch gar nicht erst auf den Spielplatz fahren können.
Dann wäre der Akku noch voller gewesen.
Eigentlich hätte ich auch zu Hause bleiben können.
Dann hätte ich keine Navigation gebraucht.
Kein Ticket.
Keinen Bus.
Kein Problem.
Wenn wir diesen Gedanken konsequent zu Ende führen, ist die beste Lösung für technische Probleme offenbar:
Das Leben möglichst vermeiden.
Dann geht auch nichts kaputt.
Aber genau darum geht es doch.
Wir waren draußen.
Mein Sohn hat gespielt.
Wir haben Zeit miteinander verbracht.
Wir haben jemanden besucht.
Wir haben spontan entschieden, noch etwas zu unternehmen.
Das nennt man gelegentlich Leben.
Und dieses Leben läuft nicht immer nach einem perfekt durchgetakteten Ladeplan.
Manchmal verlässt man das Haus mit 20 Prozent Akku.
Manchmal dauert ein Ausflug länger.
Manchmal entscheidet man spontan, noch irgendwohin zu fahren.
Manchmal möchte ein Kind noch etwas sehen.
Manchmal möchte man einen schönen Nachmittag nicht deshalb abbrechen, weil oben rechts auf einem Display eine Zahl kleiner wird.
Eigentlich sollte Technik genau solche Dinge erleichtern.
Nicht diktieren.
Und vielleicht ist das der Teil, der mich an dieser ganzen Entwicklung am meisten stört.
Wir passen unser Verhalten zunehmend den technischen Systemen an, statt technische Systeme an menschliches Verhalten anzupassen.
Der Akku muss geladen sein.
Die richtige App muss installiert sein.
Das Betriebssystem muss unterstützt werden.
Der Account muss funktionieren.
Die Zwei-Faktor-App muss verfügbar sein.
Das Mobilfunknetz muss funktionieren.
Der Server muss erreichbar sein.
Und wenn eine dieser Bedingungen nicht erfüllt ist, lautet die gesellschaftliche Reaktion erstaunlich oft:
Selbst schuld.
Powerbank vergessen.
Handy nicht geladen.
App nicht installiert.
Account nicht eingerichtet.
Willkommen in der Digitalwelt.
Vielleicht sollten wir diesen Satz gelegentlich umdrehen.
Nicht:
Willkommen in der Digitalwelt. Der Mensch muss sich eben anpassen.
Sondern:
Willkommen in einer digitalen Welt, die wir selbst gestalten können.
Und deshalb können wir auch entscheiden, wie abhängig wir von ihr sein wollen.
Ich möchte mein Smartphone weiterhin benutzen.
Ich möchte Navigation.
Ich möchte mobiles Banking.
Ich möchte digitale Tickets.
Ich möchte Online-Dienste.
Ich möchte moderne Technik.
Aber ich möchte gleichzeitig eine Gesellschaft, in der ein leerer Akku nicht bedeutet, dass ein bereits bezahlter Fahrschein plötzlich wertlos wird.
Das ist kein Widerspruch.
Das ist vernünftige Digitalisierung.
Vielleicht ist die kleine Plastikkarte deshalb gar kein Symbol für Rückständigkeit.
Vielleicht ist sie einfach ein Backup.
Und jeder IT-Mensch weiß eigentlich:
Wer kein Backup hat, hat irgendwann ein Problem.
Nur sollte dieses Problem nicht automatisch das Problem des Kunden sein.
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