Oder muss ich mich irgendwann dem digitalen Gehirn unterwerfen?

Es gibt Dinge, bei denen merkt man erst spät, wie sehr sie sich verändert haben. Nicht, weil plötzlich jemand einen Schalter umlegt. Nicht, weil morgens jemand vor der Tür steht und sagt: „Ab heute denkst du bitte nicht mehr selbst.“ So funktioniert das natürlich nicht. Es passiert langsam. Bequem. Praktisch. Schritt für Schritt.

Erst nimmt uns die Technik kleine Aufgaben ab. Dann größere. Und irgendwann merkt man, dass man sich bei Dingen unsicher fühlt, die man früher ganz selbstverständlich selbst erledigt hat. Früher wusste man Telefonnummern auswendig. Nicht alle, aber ein paar wichtige. Familie. Freunde. Arbeit. Vielleicht noch die Nummer vom Taxi oder vom Lieblingsimbiss. Heute? Telefon kaputt? Viel Glück. Die Nummern stehen irgendwo in einer Cloud, in einem Konto oder in einer App. Man besitzt sie nicht mehr unbedingt im Kopf. Man besitzt einen Zugang dazu.

Dasselbe mit Wegen. Früher schaute man auf eine Karte, schrieb sich vielleicht drei Straßennamen auf oder fragte unterwegs jemanden. Vielleicht verfuhr man sich. Vielleicht lief man einmal in die falsche Richtung. War nervig. Passierte. Heute sagt eine Stimme: „In 300 Metern rechts. Jetzt rechts. Weiter geradeaus. Im Kreisverkehr zweite Ausfahrt.“ Und wenn die Navigation plötzlich ausfällt, stehen erstaunlich viele Menschen da und haben keine Ahnung mehr, wo Norden ist. Mich eingeschlossen. Das ist bequem. Aber irgendwann muss man sich fragen: Ist das noch Unterstützung? Oder ist es schon Abhängigkeit?

Interessant ist dabei, dass ich persönlich vermutlich sogar ein ziemlich schlechter Vertreter für die typische Smartphone-Dauernutzung bin. Mein Smartphone ist nämlich die meiste Zeit gar nicht in meiner unmittelbaren Nähe. Es liegt irgendwo herum. Auf dem Tisch. Auf dem Sofa. Im Schlafzimmer. In irgendeiner Ecke der Wohnung oder sogar irgendwo an einer Stelle wo man gefundene Sachen abgibt, weil ich es wieder im Bus oder sonst wo liegen gelassen habe.. Meist lautlos. Teilweise weiß ich selbst nicht einmal genau, wo ich es zuletzt hingelegt habe. Wer mich erreichen möchte, kennt deshalb ein kleines Problem: Ich bin nicht unbedingt erreichbar. Manchmal antworte ich nach vier Stunden. Manchmal nach sechs. Manchmal noch später. Es sei denn, ich habe das Smartphone gerade zufällig in der Hand um Nachrichten, Wetterdaten, E-Ticket abzurufen.

Ich habe auch nicht das Bedürfnis, jede Nachricht innerhalb von dreißig Sekunden zu beantworten. Wenn jemand schreibt, während ich gerade an einem Projekt arbeite, mit meinem Sohn beschäftigt bin, nachdenke oder einfach nichts Digitales sehen möchte, dann bleibt die Nachricht eben liegen. Die Welt ist bisher erstaunlicherweise noch nicht untergegangen. Das Smartphone ist für mich ein Werkzeug. Es ist kein Körperteil. Und genau deshalb stört mich vielleicht umso mehr, dass inzwischen so viele Systeme voraussetzen, dass dieses Gerät jederzeit griffbereit, geladen, entsperrt, verbunden und betriebsbereit ist. Nur weil die Gesellschaft irgendwann beschlossen hat, dass alle ständig erreichbar sein könnten, bedeutet das noch lange nicht, dass alle ständig erreichbar sein müssen.

Es gibt sogar Tage, an denen ich das ganz bewusst mache: Digital Detox. Nicht als Lifestyle-Challenge. Nicht mit irgendeiner App, die mir anschließend stolz mitteilt, dass ich heute vier Stunden weniger Apps benutzt habe. Das wäre irgendwie auch wieder typisch. Nein. Einfach weg damit. Smartphone zur Seite. Benachrichtigungen aus. Manchmal für Stunden. Manchmal einen ganzen Tag. Nicht weil ich Technik ablehne, sondern weil ich Abstand brauche.

Denn Ideen brauchen manchmal Ruhe. Projekte auch. Gerade bei technischen Projekten merke ich das immer wieder. Wenn man permanent online ist, permanent neue Dinge sieht, ständig Nachrichten bekommt, neue Funktionen entdeckt und laufend denkt: „Das könnte ich auch noch einbauen. Das wäre auch noch interessant. Das könnte man noch erweitern“, dann wächst ein Projekt irgendwann nicht mehr gesund. Dann explodiert es.

Eine Idee jagt die nächste. Eine Funktion erzeugt drei neue Funktionsideen. Aus einem kleinen Werkzeug wird plötzlich eine Plattform. Aus einem Plugin wird ein komplettes System. Aus einem eigentlich abgeschlossenen Projekt wird wieder eine Baustelle. Und irgendwann weiß man gar nicht mehr, welches Problem man ursprünglich lösen wollte. Deshalb brauche ich diese Abstände. Manchmal muss ein Projekt einfach einmal liegen. Nicht anfassen. Nicht erweitern. Nicht optimieren. Nicht sofort auf jede neue Idee reagieren.

Ein Gedanke darf auch einmal zwei Tage im Kopf herumliegen. Vielleicht stellt man danach fest: gute Idee. Vielleicht stellt man aber auch fest: völliger Unsinn. Genau diese Unterscheidung funktioniert schlechter, wenn das Gehirn permanent mit neuem Input bombardiert wird.

Vielleicht liegt darin überhaupt ein größerer Widerspruch unserer Zeit. Wir haben so viele Werkzeuge entwickelt, die uns Zeit sparen sollen, und gleichzeitig schaffen wir es kaum noch, uns selbst Zeit zum Denken zu lassen. Jede freie Minute kann gefüllt werden. An der Bushaltestelle. Im Wartezimmer. Auf dem Sofa. Im Bett. Beim Essen. Sogar auf der Toilette. Irgendwo wartet immer ein Display. Nachrichten. Videos. Mails. Feeds. Kommentare. Empfehlungen. Benachrichtigungen.

Man kann heute problemlos einen kompletten Tag verbringen, ohne zehn Minuten wirklich nichts zu konsumieren. Und vielleicht brauchen Gedanken genau diese zehn Minuten. Oder zwanzig. Oder zwei Stunden. Vielleicht entsteht eine gute Idee nicht dadurch, dass man möglichst viele Informationen gleichzeitig hineinschiebt. Vielleicht entsteht sie manchmal genau dann, wenn endlich einmal Ruhe ist.

Manchmal muss ich dabei an WALL·E denken. Nicht einmal wegen der Roboter, sondern wegen der Menschen. Diese Menschen, die irgendwann nur noch in ihren schwebenden Sesseln sitzen, auf Bildschirme schauen und sich von der Technik durch den kompletten Alltag tragen lassen. Natürlich ist das überspitzt. Natürlich ist es Science-Fiction. Aber gerade deshalb funktioniert dieses Bild so gut.

Niemand wird dort mit Gewalt gezwungen. Niemand steht daneben und befiehlt ihnen, sich nicht mehr zu bewegen oder nicht mehr selbst zu denken. Es ist einfach bequem. Alles wird gebracht. Alles wird angezeigt. Alles wird organisiert. Alles ist jederzeit verfügbar. Man muss irgendwann selbst kaum noch etwas tun.

Und vielleicht ist genau das die unangenehme Frage dahinter: Wie weit darf Technik uns tragen, bevor wir verlernen, selbst zu laufen? Im übertragenen Sinne. Und vielleicht irgendwann sogar im echten.

Dasselbe passiert beim Einkaufen, beim Bezahlen, beim Reisen, beim Arbeiten, beim Schreiben, beim Erinnern, beim Planen, beim Rechnen und beim Entscheiden. Für fast alles gibt es inzwischen eine digitale Instanz, die mir sagt, was ich tun könnte. Welche Strecke ich fahren soll. Welches Produkt ich kaufen soll. Welche Musik mir gefallen könnte. Welchen Film ich sehen sollte. Welche Nachrichten mich interessieren. Welche Menschen ich vielleicht kennen könnte. Welche Beiträge ich vermutlich lesen möchte. Welche Antwort ich schreiben könnte. Welche Wörter besser klingen. Welche Termine ich vergessen könnte. Welche Rechnung noch offen ist. Welche Schritte ich heute machen sollte. Wann ich trinken sollte. Wann ich schlafen sollte. Wann ich aufstehen sollte. Wann ich mich bewegen sollte.

Irgendwann fehlt eigentlich nur noch: „Marcus, jetzt bitte links abbiegen und in zwölf Minuten eine eigene Meinung bilden.“

Und jetzt kommt natürlich noch künstliche Intelligenz dazu. Ja. Auch ich benutze sie. Offensichtlich. Und nein, ich halte künstliche Intelligenz nicht grundsätzlich für schlecht. Ganz im Gegenteil. Ich finde es faszinierend, was diese Technik kann. Sie kann Informationen strukturieren, Texte verbessern, Code analysieren, Fehler finden, Zusammenhänge erklären und Ideen sortieren. Sie kann ein hervorragendes Werkzeug sein.

Aber auch ein hervorragendes Werkzeug kann problematisch werden, wenn man irgendwann vergisst, dass man es eigentlich nur benutzen wollte und nicht ihm die gesamte Werkstatt übergeben. Es ist ein Unterschied, ob ich sage: „Ich habe diesen Gedanken. Hilf mir, ihn sauber zu formulieren.“ Oder: „Sag mir, was ich denken soll.“ Es ist ein Unterschied zwischen: „Zeig mir verschiedene Möglichkeiten.“ Und: „Entscheide für mich.“ Es ist ein Unterschied, ob eine KI einen Gedanken erweitert oder ob sie den Gedanken überhaupt erst ersetzt. Und genau diese Grenze möchte ich behalten.

Vielleicht ist das überhaupt eine der wichtigsten Grenzen der nächsten Jahre. Denn künstliche Intelligenz kann unglaublich überzeugend wirken. Sie antwortet schnell. Sie formuliert sauber. Sie sortiert Informationen. Sie findet Zusammenhänge. Und genau deshalb besteht die Gefahr vielleicht gar nicht darin, dass sie irgendwann alles besser weiß, sondern darin, dass wir irgendwann aufhören, selbst nachzudenken, weil eine fertige Antwort bequemer ist.

Warum etwas nachschlagen? Warum vergleichen? Warum eine eigene Position entwickeln? Warum ausprobieren? Warum Fehler machen? Das digitale Gehirn weiß es doch. Oder zumindest klingt es sehr überzeugend so.

Vielleicht ist genau das gefährlich. Nicht, dass Computer irgendwann anfangen zu denken, sondern dass Menschen irgendwann aufhören, es selbst zu tun. Nicht komplett. Natürlich nicht. Aber Stück für Stück. Wir geben kleine Bereiche ab, und jeder einzelne davon erscheint völlig harmlos.

Irgendwann steht man dann vielleicht vor einem schwarzen Smartphone-Display und stellt fest: Ich weiß nicht, wann der Bus kommt. Mein Ticket ist darin. Meine Kontakte sind darin. Meine Navigation ist darin. Meine Bank ist darin. Meine Termine sind darin. Meine Erinnerungen sind darin. Meine Fotos sind darin. Meine Kommunikation ist darin. Meine Kundenkarten sind darin. Meine Zwei-Faktor-Authentifizierung ist darin. Teile meines Gedächtnisses sind darin. Und inzwischen teilweise sogar Teile meines Denkprozesses.

Dann hält man plötzlich kein Telefon mehr in der Hand. Man hält einen ausgelagerten Teil seines Lebens in der Hand.

Und genau das macht den Gedanken interessant. Denn vielleicht ist das Smartphone inzwischen gar nicht mehr nur ein Gerät. Vielleicht ist es für viele Menschen längst eine Art externes Gedächtnis geworden. Mit Akku.

Vielleicht erklärt das auch, warum manche Menschen fast nervös werden, wenn ihr Smartphone nicht in Reichweite ist. Nicht unbedingt wegen TikTok. Nicht wegen Instagram. Nicht wegen WhatsApp. Sondern weil wir inzwischen unglaublich viele Funktionen unseres Alltags in dieses eine Gerät gesteckt haben.

Das Smartphone ist Uhr, Kalender, Karte, Fahrkarte, Bankkarte, Fotoalbum, Notizbuch, Adressbuch, Nachschlagewerk, Nachrichtenquelle, Kommunikationszentrale, Authentifizierungsgerät und Unterhaltungsgerät. Und langsam wird es auch noch Berater, Sekretär, Texter, Übersetzer, Programmierhilfe, Suchmaschine und Gesprächspartner.

Da darf man vielleicht irgendwann einmal fragen: Was bleibt eigentlich noch bei mir?

Vielleicht klingt das paradox. Ich arbeite mit IT. Ich programmiere. Ich entwickle Systeme. Ich verbringe vermutlich mehr Zeit mit Quellcode, Datenstrukturen, Plugins und technischen Problemen, als meinem Rücken langfristig guttun dürfte. Und trotzdem liegt mein Smartphone manchmal sechs Stunden unbeachtet irgendwo in der Wohnung.

Vielleicht gerade deshalb.

Denn wenn man sich intensiv mit Technik beschäftigt, merkt man irgendwann auch, dass Technik nicht automatisch besser wird, nur weil mehr Technik drinsteckt. Ein System wird nicht automatisch intelligenter, weil es mehr Funktionen hat. Eine App wird nicht automatisch besser, weil sie alles kann. Und ein Mensch wird nicht automatisch produktiver, weil er jederzeit erreichbar ist.

Manchmal ist das Gegenteil der Fall. Manchmal ist die beste Funktion: Aus.

Vielleicht braucht man manchmal genau das Gegenteil von WALL·E. Nicht noch einen bequemeren Sessel. Nicht noch einen größeren Bildschirm. Nicht noch einen Assistenten mehr. Sondern einfach wieder ein bisschen Platz im eigenen Kopf.

Vielleicht sollte digitale Kompetenz deshalb auch etwas anderes bedeuten. Nicht nur: Ich kann ein Smartphone bedienen. Ich kann QR-Codes scannen. Ich kann Apps installieren. Ich kann Online-Banking. Ich kann KI benutzen. Sondern auch: Ich kann mein Smartphone weglegen. Ich kann eine Nachricht später beantworten. Ich kann einen Gedanken zu Ende denken, bevor ich ihn sofort irgendwo poste. Ich kann ein Projekt ruhen lassen. Ich kann eine Funktion bewusst nicht einbauen. Ich kann Langeweile aushalten. Ich kann einen Weg selbst ausprobieren. Ich kann eine Entscheidung treffen, ohne vorher zehn Empfehlungen abzurufen. Ich kann auch einmal nicht erreichbar sein.

Vielleicht ist das ebenfalls digitale Kompetenz. Nicht nur zu wissen, wie man Technik benutzt, sondern auch zu wissen, wann man sie nicht braucht.

Denn Technik sollte meine Fähigkeiten erweitern, nicht ersetzen. Sie sollte mir Arbeit abnehmen, nicht Verantwortung. Sie sollte mir Informationen liefern, nicht meine Meinung. Sie sollte mir Entscheidungen erleichtern, nicht Entscheidungen überflüssig machen. Sie sollte meine Kreativität unterstützen, nicht jeden freien Gedanken sofort mit neuem Input zuschütten.

Und künstliche Intelligenz sollte mir beim Denken helfen. Nicht an meiner Stelle denken.

Ich möchte weiterhin digitale Werkzeuge benutzen. Ich möchte programmieren. Ich möchte KI nutzen. Ich möchte Navigation, Online-Banking, digitale Tickets, Automatisierung und all diese Dinge. Aber ich möchte gleichzeitig das Recht behalten, mein Smartphone irgendwo stumm in die Ecke zu werfen und sechs Stunden später festzustellen: Ach ja. Da war ja noch was.

Und vielleicht möchte ich sogar einen ganzen Tag lang nicht digital erreichbar sein. Nicht weil ich der modernen Welt entkommen möchte, sondern weil ich manchmal Abstand von ihr brauche, damit meine eigenen Gedanken überhaupt wieder laut genug werden. Damit eine Idee nicht sofort von der nächsten erschlagen wird. Damit ein Projekt gesund wachsen kann. Damit aus einer guten Funktion nicht automatisch zehn weitere werden, nur weil sie technisch möglich wären.

Und damit ich irgendwann noch unterscheiden kann zwischen: Das kann ich bauen. Und: Das brauche ich wirklich.

Vielleicht ist genau das inzwischen eine Form von Freiheit. Nicht jederzeit verbunden zu sein. Nicht jederzeit zu reagieren. Nicht jede Idee sofort umzusetzen. Nicht jede Antwort sofort zu kennen. Nicht jeden freien Moment mit Input zu füllen. Und vor allem: Nicht jedes Denken auszulagern.

Denn irgendwann könnten wir für jede Frage eine digitale Antwort haben. Für jede Strecke eine Navigation. Für jeden Text einen Generator. Für jede Entscheidung eine Empfehlung. Für jeden Termin eine Erinnerung. Für jede Idee einen Assistenten. Für jedes Problem irgendeine App. Und vielleicht sogar irgendwann für jeden Gedanken einen Algorithmus.

Dann wäre es ziemlich traurig, wenn wir eines Tages vor einem ausgeschalteten Bildschirm sitzen und feststellen müssten:

Verdammt. Und was denke ich jetzt eigentlich selbst?