Wenn man jemanden ganz bestimmtes  kennt und Ihn  eine Weile beobachten würde, könnte man irgendwann auf die Idee kommen, dass irgendwo jemand ein Drehbuch über ihn schreibt. Kein besonders dramatisches, eher eines mit einem ziemlich trockenen Humor. Da ist ein Mann, der eigentlich gar nicht ständig auf der Suche ist. Er lebt seinen Alltag, kümmert sich um sein Kind, verliert sich in seinen Gedanken und Projekten und hat längst gelernt, auch allein mit sich und seiner Welt beschäftigt zu sein. Trotzdem begegnen ihm Menschen. Immer wieder.

Manchmal beginnen diese Begegnungen mit Gesprächen, manchmal mit einem Lächeln, manchmal entsteht tatsächlich Hoffnung, weil jemand Nähe zulässt und Signale sendet, die nach mehr aussehen könnten. Doch erstaunlich oft folgt irgendwann derselbe Schnitt. Ein Mensch spielt mit dem Feuer, macht neugierig, lässt Nähe entstehen und zieht sich wieder zurück. Ein anderer bleibt an der Oberfläche: ein bisschen reden, ein bisschen kennenlernen und irgendwann ein trockenes Hallo und Tschüss. Wieder andere entdecken in diesem Mann vor allem jemanden, der zuhört, hilft, Dinge erklärt, Probleme löst und da ist, wenn man ihn braucht. Praktisch, solange etwas gebraucht wird. Möchte er jedoch selbst einmal wissen, was sich unter der Oberfläche seines Gegenübers befindet, wird es erstaunlich still.

Dann gibt es noch jene merkwürdige Zwischenwelt, in der man einem Menschen nah genug sein darf, um wichtig zu sein, aber niemals nah genug, damit daraus wirklich etwas werden könnte. Irgendwann kennt der Mann auch diese Welt ziemlich gut. Jahre vergehen und Begegnungen sammeln sich. Nicht jede davon ist eine große Enttäuschung und nicht jeder Mensch hat ihm etwas versprochen. Trotzdem hinterlassen Wiederholungen ihre Spuren. Man wird vorsichtiger. Man interpretiert weniger. Man erwartet weniger. Irgendwann beschließt man vielleicht sogar, überhaupt nichts mehr zu erwarten.

Und genau dann passiert etwas vollkommen Unspektakuläres. Der Mann sieht einen Menschen. Einfach so, an einem Ort, im wirklichen Leben. Es gibt kein stundenlanges Gespräch, keine großen Gesten und keine romantische Filmszene. Eigentlich passiert fast gar nichts. Trotzdem bleibt dieser Mensch irgendwie in seinem Kopf. Nicht als große Liebe, nicht als Zukunftsplan und nicht einmal als Hoffnung. Er mag diesen Menschen einfach. Warum, könnte er vermutlich selbst nicht erklären. Vielleicht ist es die Art, vielleicht die Ausstrahlung, vielleicht ein Blick, ein Lächeln oder irgendeine winzige Besonderheit, die sich nicht vernünftig in Worte packen lässt.

Diesmal macht er daraus nichts. Er erwartet nichts, plant nichts und schreibt die Begegnung in Gedanken nicht weiter. Es darf einfach dieses seltene Gefühl sein, einen Menschen sympathisch zu finden, ohne etwas von ihm zu verlangen. Und irgendwo scheint das Leben kurz in seinen alten Unterlagen zu blättern und festzustellen, dass eine solche unkomplizierte Situation offenbar nicht vorgesehen war.

Dann kommt die Information: vergeben.

Kein gebrochenes Herz. Keine zerstörte Hoffnung, denn dafür hatte es diesmal überhaupt keine Hoffnung gegeben. Eigentlich nur dieser kurze innere Moment, den Menschen irgendwann entwickeln, wenn ihnen derselbe Witz oft genug erzählt wurde: Natürlich. Was auch sonst?

Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieses Mannes. Nicht die eines Menschen, der verzweifelt nach Liebe sucht. Nicht die eines Menschen, der jedes freundliche Wort mit Zuneigung verwechselt. Sondern die Geschichte eines Mannes, der nach genügend merkwürdigen Begegnungen aufgehört hat, aus jeder Sympathie eine mögliche Zukunft machen zu wollen, und trotzdem noch nicht aufgehört hat, Menschen zu mögen.

Vielleicht wird auch diese Begegnung irgendwann nur eine kleine Erinnerung sein. Ein Mensch, den er einmal an einem bestimmten Ort gesehen hat. Kaum gesprochen, kaum kennengelernt und trotzdem auf eine unerklärliche Weise gemocht.

Würde ein Beobachter seine Aufzeichnungen an dieser Stelle schließen, könnte dort am Ende nur stehen: Der Mann behauptet inzwischen gelegentlich, auf ihm müsse ein Fluch liegen. Beweisen lässt sich das selbstverständlich nicht. Aber wenn man sich sein Timing über die Jahre ansieht, kann man zumindest verstehen, wie er auf diese Idee gekommen ist.