Wenn der rote Faden plötzlich ich selbst bin.
Ich habe meinen Blog irgendwann „Der rote Faden“ genannt. Nicht den ganzen Blog, sondern eine Seite darin. Eine Orientierung. Eine Möglichkeit, all die Texte irgendwie zu sortieren: Vatersein, Beziehungen, Alltag, Gesellschaft, Technik, Psyche, Selbstfürsorge, Selbstreflexion. Schöne Kästchen. Sauber getrennt. Fast ein bisschen so, wie man Daten in einem System sortiert.
Bis mir irgendwann auffiel, dass vielleicht gar nicht die Kästchen das Interessante sind. Vielleicht ist der rote Faden nicht zwischen den Beiträgen. Vielleicht bin ich selbst der rote Faden.
Das klingt zunächst größer, als es gemeint ist. Denn ich halte mich nicht für besonders geheimnisvoll. Ich bin Entwickler, ich bin Vater, ich denke viel nach, manchmal wahrscheinlich zu viel. Ich schreibe, ich baue Dinge, ich zerlege Dinge. Nicht unbedingt mit dem Schraubendreher. Manchmal reicht schon eine Frage: Warum funktioniert das so? Warum machen wir das so? Warum akzeptieren wir etwas, obwohl es offensichtlich nicht funktioniert?
Das frage ich bei Quellcode. Und offenbar frage ich es auch beim Leben.
Wenn eine Funktion auf fünf Seiten funktioniert und auf der sechsten nicht, möchte ich wissen, warum. Nicht irgendwann und nicht ungefähr. Ich möchte den Unterschied finden. Welche Datei wird geladen? Welche Bedingung greift? Was fehlt dort, was an anderer Stelle vorhanden ist? Das ist Programmieren. Zumindest teilweise.
Aber dann sitze ich da und höre: „Kinder sollten um 19 Uhr im Bett sein.“ Und mein Kopf macht offenbar genau dasselbe. Warum? Welches Kind? Wie lange schläft es? Wann wird es müde? Was passiert, wenn es tatsächlich um 19 Uhr schläft? Bei Sam ist die Rechnung relativ einfach. Acht Stunden später ist es drei Uhr morgens. Damit ist die Theorie zwar erfüllt, mein Wohnzimmer allerdings auch. Mit einem ausgeschlafenen Kind.
Vielleicht debugge ich Alltag. Ein merkwürdiger Gedanke. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger merkwürdig erscheint er mir.
Ich mag Systeme. Wahrscheinlich sogar sehr. Ich baue welche. Webseiten, Programme, Verwaltungen, Datenstrukturen und manchmal sogar ganze Städte. Zumindest digitale. Ich kann mich stundenlang damit beschäftigen, warum eine Kategorie nicht richtig gespeichert wird oder weshalb irgendwo eine Zahl nicht zur anderen passt. Aber ich mag Systeme offenbar nur unter einer Bedingung: Sie müssen ihrem Zweck dienen.
Ein System, das Menschen helfen soll, aber Menschen zum Problem erklärt, wenn sie nicht exakt in seine Abläufe passen, interessiert mich. Nicht im positiven Sinn. Ein digitales Ticket, das funktionieren soll, aber plötzlich davon abhängt, ob irgendein Akku noch genügend Prozent besitzt. Eine pädagogische Empfehlung, die Orientierung geben soll, aber irgendwann wie ein Naturgesetz behandelt wird. Eine Freundschaft, die Nähe verspricht, aber hauptsächlich dann auftaucht, wenn Hilfe benötigt wird. Eine Gesellschaft, die ständig Individualität lobt und gleichzeitig erstaunlich nervös wird, sobald jemand tatsächlich individuell handelt.
Vielleicht ist das der Punkt. Ich habe gar nicht so viele verschiedene Themen. Ich habe nur viele verschiedene Orte, an denen mir dieselbe Frage begegnet: Funktioniert das wirklich so, wie wir behaupten?
Vielleicht erklärt das auch, warum Technik und meine Texte für mich gar nicht so weit auseinanderliegen. Auf den ersten Blick haben sie wenig gemeinsam. Hier PHP, dort Gefühle. Hier JSON, dort Beziehungen. Hier eine fehlerhafte Funktion, dort ein Mensch, der plötzlich Abstand hält. Aber meine Reaktion ist erstaunlich ähnlich. Ich möchte verstehen, was passiert. Nicht nur das Ergebnis sehen, sondern den Weg dorthin, den Mechanismus, die Veränderung.
Vielleicht deshalb mag ich Blackboxes nicht besonders. Weder in Software noch im Leben. „Ist halt so“ ist für mich selten eine besonders befriedigende Dokumentation.
Natürlich gibt es dabei einen entscheidenden Unterschied: Menschen sind kein Quellcode. Zum Glück. Man kann jemanden nicht öffnen, eine falsche Zeile korrigieren und anschließend auf Speichern klicken. Es gibt keine Fehlermeldung mit genauer Zeilennummer. Keine Konsole, die einem verrät: „Interesse nicht definiert.“ „Vertrauen null.“ „Nähe konnte nicht geladen werden.“ Wäre manchmal praktisch, aber vermutlich auch ziemlich langweilig.
Vielleicht beschäftigt mich genau deshalb das Zwischenmenschliche so sehr. Weil ich dort etwas akzeptieren muss, das mir bei Technik überhaupt nicht gefällt: Nicht alles lässt sich vollständig erklären. Nicht alles lässt sich reparieren. Und nicht alles, was logisch erscheint, funktioniert bei einem Menschen genauso.
Ich kann trotzdem beobachten, fragen, zuhören, vergleichen und irgendwann vielleicht akzeptieren, dass eine Antwort auch einmal lauten kann: Ich weiß es nicht. Das fällt mir wahrscheinlich schwerer als ein fehlendes Semikolon.
Auch bei mir selbst erkenne ich inzwischen ein Muster. Ich helfe gern. Vielleicht manchmal zu gern. Ich möchte gebraucht werden, aber nicht benutzt. Ich möchte Nähe, aber nicht festgehalten werden. Ich möchte Freiheit, aber nicht Bedeutungslosigkeit. Ich möchte Regeln, aber keine Regeln, die das Denken ersetzen. Ich möchte Technik, aber keine Technik, die bestimmt, ob ich noch handlungsfähig bin. Ich möchte Menschen verstehen und wünsche mir gleichzeitig, dass jemand gelegentlich denselben Aufwand betreibt, um mich zu verstehen.
Das widerspricht sich teilweise. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Vielleicht besteht ein Mensch genau daraus. Nicht aus einer perfekt aufgeräumten Liste von Eigenschaften, sondern aus Spannungen. Aus Dingen, die gleichzeitig wahr sein können.
Ich kann klare Strukturen mögen und trotzdem Schubladen ablehnen. Ich kann konsequent sein und trotzdem Verständnis verlangen. Ich kann Technik lieben und trotzdem digitale Abhängigkeit kritisieren. Ich kann gern allein sein und trotzdem Nähe vermissen. Ich kann anderen helfen und irgendwann feststellen, dass ich selbst Hilfe brauche. Ich kann etwas hinterfragen, ohne grundsätzlich dagegen zu sein.
Vielleicht ist auch das etwas, das in vielen Diskussionen verloren geht. Kritik bedeutet nicht automatisch Ablehnung. Wenn ich eine Funktion kritisiere, lösche ich nicht das gesamte Programm. Ich repariere die Funktion. Wenn ich eine Einrichtung kritisiere, bedeutet das nicht, dass ich ihre Existenz ablehne. Wenn ich Digitalisierung kritisiere, möchte ich nicht zurück zur Brieftaube. Wenn ich eine Regel hinterfrage, bedeutet das nicht, dass ich ohne Regeln leben möchte.
Ich will nur wissen, ob das, was wir gebaut haben, noch zu dem passt, wofür wir es einmal gebaut haben.
Vielleicht ist das tatsächlich meine Art, die Welt anzuschauen. Und vielleicht war sie schon immer da. Nur habe ich sie vorher unterschiedlich genannt: Programmieren, Nachdenken, Schreiben, Vatersein, Beobachten. Manchmal auch Grübeln, je nachdem, wie spät es gerade ist.
Mein Blog zeigt das wahrscheinlich deutlicher, als mir selbst lange bewusst war. Denn ich habe dort nie beschlossen: Jetzt erschaffe ich eine bestimmte Figur. Ich habe einfach geschrieben. Über Dinge, die mich beschäftigen. Über Menschen. Über meinen Kopf. Über Sam. Über Nähe. Über Technik. Über Situationen, bei denen irgendetwas nicht zusammenpasste. Und irgendwann entsteht aus vielen einzelnen Texten ein Bild. Nicht unbedingt das vollständige, aber offenbar ein ziemlich ehrliches.
Vielleicht bin ich deshalb Entwickler und schreibe gleichzeitig über Menschen. Vielleicht baue ich deshalb Systeme und ärgere mich gleichzeitig über Systeme. Vielleicht brauche ich Strukturen gerade deshalb, weil ich weiß, dass die Wirklichkeit sich selten vollständig daran hält.
Und vielleicht ist mein Blog am Ende gar kein Blog über Vatersein, Psyche, Technik, Beziehungen oder Gesellschaft. Vielleicht ist er einfach die Dokumentation einer Frage, die mich seit Jahren begleitet: Warum machen wir Dinge eigentlich so, wie wir sie machen?
Manchmal führt diese Frage zu einem Patch. Manchmal zu einem neuen Projekt. Manchmal zu einer Grenze. Manchmal zu einem Gespräch. Und manchmal zu einem Text.
Der rote Faden liegt dann vielleicht gar nicht zwischen all diesen Dingen. Er läuft durch sie hindurch. Und offenbar auch durch mich.
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